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"We make it Europe."

Posted on 21. September 2023 by Jule Christen
Peter Triest (Regie und Drehbuch) bildet mit "A Parked Life" (2022) den monotonen Alltag, die Einsamkeit und die Sehnsucht eines bulgarischen Fernfahrers ab und schickt uns dabei auf eine Reise durch Europa.

"Drive, Sleep, Drive, Sleep, Load, Unload, Drive, Sleep." – Peter Triest (Regie und Drehbuch) bildet mit "A Parked Life" (2022) den monotonen Alltag, die Einsamkeit und die Sehnsucht eines bulgarischen Fernfahrers ab und schickt uns dabei auf eine Reise durch Europa.

 

Lange Blicke aus dem Fenster, vorbeifliegende Landschaften und Orte, schnelles Ein- und Ausladen, kurze Gespräche mit Fremden, Telefonate mit der Familie und fahren, fahren, fahren: Das ist Petar Doychevs Leben.

Um für seine Familie zu sorgen und seinem Sohn Jordan eine bessere Zukunft zu ermöglichen, ist er monatelang auf den Autobahnen Europas unterwegs. Petar steht unter permanentem Druck. Er versucht trotz der Distanz für seine Ehefrau und sein Kind präsent zu sein, merkt aber, dass die Videoanrufe oft nicht genügen. An Rastplätzen tauscht er sich mit anderen Fernfahrern aus. Sie alle registrieren, wie ihnen die Zeit durch die Finger rinnt, während sich ihr eigentliches Leben mit Familie und Freund:innen ganz woanders abspielt. Schließlich stellt einer von ihnen ernüchtert fest: "I have wasted my life away in that truck."

Mit Feingefühl und Genauigkeit gelingt es dem Regisseur Peter Triest die alltäglichen Herausforderungen von Petar Doychevs Leben im Truck einzufangen und filmisch umzusetzen. Die vielen Groß- und Nahaufnahmen machen mit der Mimik und Gestik des Protagonisten vertraut. Trauer und Sehnsucht sowie die seltenen Momente des Glücks und der Freude sind ihm klar vom Gesicht zu lesen. Einige Passagen im Film wurden zudem mit Handkameras aufgenommen, diese wirken besonders realistisch. Oft werden die Zuschauer:innen so quasi auf dem Beifahrersitz platziert. Unter diese Sequenzen mischen sich großflächige Landschaftsaufnahmen, die die Vielseitigkeit Europas zeigen. Es ist ein Spiel aus Nähe und Distanz, welches Petar Doychev nie aus dem Fokus verliert, zugleich aber die Gelegenheit bietet, das Gesehene in größerem Kontext zu hinterfragen: Ist Europa nur ein Netz aus Autobahnen? Ein ökonomischer, gesellschaftlicher Verbund? Eine Union der sozialen Gegensätze? Petar stellt fest: "I think Europe only exists on the motorway. Without us connecting the pieces, it’s just countries."

Der Dokumentarfilm überzeugt mit der Darstellung von Kontrasten, von Sommer zu Winter, von hell zu dunkel, von laut zu leise. In einer Szene ist Petar laut lachend und spielend mit seinem Sohn Jordan am Strand zu sehen, in der nächsten ist er allein und starrt durch die Windschutzscheibe auf die nächtliche Schneelandschaft. Besonders in den Momenten der Stille, maximal begleitet von den Geräuschen des Lastwagens oder dem dumpfen Lärm der Autobahn, wird Petars Einsamkeit greifbar.

"A Parked Life" ist eine subtile Dokumentation mit beeindruckenden Bildern, die ein Portrait von Europa durch die Augen eines Menschen zeigt, der im basalen Sinn Verbindungen herstellt. Die dabei entstehende räumliche Distanz zwischen Petar und seiner Familie führt zu einer emotionalen Zerreißprobe und stellt seine Ehe auf die Probe. Werden sich die Hoffnungen und Wünsche erfüllen, die er an seinen Job als Trucker knüpft oder wird ihn die Isolation und Sehnsucht übermannen?

 

Triest, Peter: A Parked Life, Belgien / Niederlande, 2022, 75 Min.

"We make it Europe." - novinki
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“We make it Europe.”

“Drive, Sleep, Drive, Sleep, Load, Unload, Drive, Sleep.” – Peter Triest (Regie und Dreh­buch) bildet mit “A Parked Life” (2022) den mono­tonen Alltag, die Ein­sam­keit und die Sehn­sucht eines bul­ga­ri­schen Fern­fah­rers ab und schickt uns dabei auf eine Reise durch Europa. 

 

Lange Blicke aus dem Fenster, vor­bei­flie­gende Land­schaften und Orte, schnelles Ein- und Aus­laden, kurze Gespräche mit Fremden, Tele­fo­nate mit der Familie und fahren, fahren, fahren: Das ist Petar Doy­chevs Leben.

Um für seine Familie zu sorgen und seinem Sohn Jordan eine bes­sere Zukunft zu ermög­li­chen, ist er mona­te­lang auf den Auto­bahnen Europas unter­wegs. Petar steht unter per­ma­nentem Druck. Er ver­sucht trotz der Distanz für seine Ehe­frau und sein Kind prä­sent zu sein, merkt aber, dass die Video­an­rufe oft nicht genügen. An Rast­plätzen tauscht er sich mit anderen Fern­fah­rern aus. Sie alle regis­trieren, wie ihnen die Zeit durch die Finger rinnt, wäh­rend sich ihr eigent­li­ches Leben mit Familie und Freund:innen ganz woan­ders abspielt. Schließ­lich stellt einer von ihnen ernüch­tert fest: “I have wasted my life away in that truck.”

Mit Fein­ge­fühl und Genau­ig­keit gelingt es dem Regis­seur Peter Triest die all­täg­li­chen Her­aus­for­de­rungen von Petar Doy­chevs Leben im Truck ein­zu­fangen und fil­misch umzu­setzen. Die vielen Groß- und Nah­auf­nahmen machen mit der Mimik und Gestik des Prot­ago­nisten ver­traut. Trauer und Sehn­sucht sowie die sel­tenen Momente des Glücks und der Freude sind ihm klar vom Gesicht zu lesen. Einige Pas­sagen im Film wurden zudem mit Hand­ka­meras auf­ge­nommen, diese wirken beson­ders rea­lis­tisch. Oft werden die Zuschauer:innen so quasi auf dem Bei­fah­rer­sitz plat­ziert. Unter diese Sequenzen mischen sich groß­flä­chige Land­schafts­auf­nahmen, die die Viel­sei­tig­keit Europas zeigen. Es ist ein Spiel aus Nähe und Distanz, wel­ches Petar Doy­chev nie aus dem Fokus ver­liert, zugleich aber die Gele­gen­heit bietet, das Gese­hene in grö­ßerem Kon­text zu hin­ter­fragen: Ist Europa nur ein Netz aus Auto­bahnen? Ein öko­no­mi­scher, gesell­schaft­li­cher Ver­bund? Eine Union der sozialen Gegen­sätze? Petar stellt fest: “I think Europe only exists on the motorway. Wit­hout us con­nec­ting the pieces, it’s just countries.”

Der Doku­men­tar­film über­zeugt mit der Dar­stel­lung von Kon­trasten, von Sommer zu Winter, von hell zu dunkel, von laut zu leise. In einer Szene ist Petar laut lachend und spie­lend mit seinem Sohn Jordan am Strand zu sehen, in der nächsten ist er allein und starrt durch die Wind­schutz­scheibe auf die nächt­liche Schnee­land­schaft. Beson­ders in den Momenten der Stille, maximal begleitet von den Geräu­schen des Last­wa­gens oder dem dumpfen Lärm der Auto­bahn, wird Petars Ein­sam­keit greifbar.

“A Parked Life” ist eine sub­tile Doku­men­ta­tion mit beein­dru­ckenden Bil­dern, die ein Por­trait von Europa durch die Augen eines Men­schen zeigt, der im basalen Sinn Ver­bin­dungen her­stellt. Die dabei ent­ste­hende räum­liche Distanz zwi­schen Petar und seiner Familie führt zu einer emo­tio­nalen Zer­reiß­probe und stellt seine Ehe auf die Probe. Werden sich die Hoff­nungen und Wün­sche erfüllen, die er an seinen Job als Tru­cker knüpft oder wird ihn die Iso­la­tion und Sehn­sucht übermannen?

 

Triest, Peter: A Parked Life, Bel­gien / Nie­der­lande, 2022, 75 Min.