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„Wer entscheidet schon, für wen welche Sprache eine Fremdsprache ist.“ - ein Interview mit Ivna Žic

Posted on 26. Januar 2022 by Kathrine Spaar
Ivna Žic ist Schriftstellerin und Theaterregisseurin und lebt heute in Zürich. Sie wurde in Zagreb geboren und wuchs in Zürich und Basel auf. Ihr Roman Die Nachkommende erschien 2019 bei Matthes & Seitz und wurde für den Schweizer Buchpreis, den Österreichischen Buchpreis und den Rauriser Literaturpreis nominiert. Zuvor war sie bereits als Theaterautorin mit ihren Stücken Leben wollen. Zusammen (späterer Titel: Die Vorläufigen) oder Blei erfolgreich. In Die Nachkommende verknüpft Ivna Žic zwei Zeiten und Welten und vor allem auch zwei Sprachen.

Ivna Žic ist Schriftstellerin und Theaterregisseurin und lebt heute in Zürich. Sie wurde in Zagreb geboren und wuchs in Zürich und Basel auf. Ihr Roman Die Nachkommende erschien 2019 bei Matthes & Seitz und wurde für den Schweizer Buchpreis, den Österreichischen Buchpreis und den Rauriser Literaturpreis nominiert. Zuvor war sie bereits als Theaterautorin mit ihren Stücken Leben wollen. Zusammen (späterer Titel: Die Vorläufigen) oder Blei erfolgreich. In Die Nachkommende verknüpft Ivna Žic zwei Zeiten und Welten und vor allem auch zwei Sprachen.

Zu einem Gespräch über ihren Roman Die Nachkommende traf sich Kathrine Spaar mit Ivna Žic in einem Züricher Café.

 

Kathrine Spaar: Frau Žic, vielen Dank, dass Sie heute hier sind, um mit mir über Ihren Roman Die Nachkommende zu sprechen. Der Roman beginnt mit einer zwölfstündigen Zugfahrt von Paris nach Zagreb. Der Protagonistin kommt es vor, als sei dies bereits ihre fünfhundertste Fahrt nach Zagreb. Frau Žic, können Sie sich an Ihre erste Reise nach Kroatien erinnern?

 

Ivna Žic: Nein, ich glaube das ist bei mir tatsächlich ebenso ein Gemisch aus Wiederholungen, wie es auch im Roman beschrieben wird. Ich persönlich habe dies auch oft gemacht – mit dem Zug nach Kroatien – und kann die erste, zweite, dritte, vierte und fünfte Fahrt nicht mehr wirklich auseinanderhalten. Den beschriebenen Zustand kann vermutlich jeder nachvollziehen, der mehrmals an denselben Ort gereist ist.

 

K.S.: Diese Fahrt ist ja ziemlich phantastisch. Die toten oder auch noch lebenden Verwandten begleiten die Protagonistin als eine Art ‚Ahnengeister‘ während ihrer gesamten Reise. Vergangene Geschichten und Erlebnisse werden wiedergegeben. Welche Rolle spielen diese Erzählungen der Vergangenheit?

 

I.Ž.: (lacht) Nun, das ist ja eigentlich eine Frage, die die anderen beantworten sollten. Vielleicht können Sie ja erzählen, was es mit Ihnen gemacht hat?

 

K.S.: Ich denke, es könnte ein Kunstgriff sein, sodass der innere Monolog der Protagonistin zu einem Dialog wird und Gespräche entstehen können, obwohl wir uns weiterhin nur in ihrem Kopf und ihren Gedanken befinden. Wir erfahren durch die Erzählungen etwas über die Protagonistin.

 

I.Ž.: Genau, die Dialoge und Erzählungen dienen als eine Art Personifizierung oder Identifizierung der Protagonistin. Im gesamten Buch ist die Protagonistin meistens allein. Die wenigen echten Begegnungen sind eher zufällig. Also wenn sie – ich nenn’ es mal ‚echten‘ Menschen begegnet, sind dies Leute, die sie eigentlich gar nicht so gut kennt. Ein Kellner, eine Frau mitten in der Nacht, der alte Mann am Ende. Da tauchen zufällige Figuren auf. Kunstgriff ist darum der treffende Begriff: Man holt diese Menschen, die sie schon lange kennt – egal ob lebendig oder tot – zum Dialog hervor, aber nicht in einer echten Begegnung. Es ist eine andere Situation, wenn das Gespräch phantastisch gestaltet ist, wie eine Erinnerung, als würden Großmutter und Enkelin am Tisch sitzen und plaudern. Ich wollte diesen Realismus vermeiden. So kommt man nicht weit, solche Gespräche drehen sich im Kreis, während ein fiktives Gespräch über Erinnerungen einen viel größeren Raum öffnet. Man weiß letztendlich nicht, ob diese Menschen so sprechen würden und so gesprochen haben – vielleicht ist dies nur ein Wunsch der Protagonistin. Wer weiß das?

 

K.S.: Stimmt. Ich kann bestätigen, dieser Kunstgriff hat wunderbar funktioniert. Eigentlich spannend, dass Sie die Dialoge oft im inneren Monolog verpacken. Sie sind hauptsächlich Theaterregisseurin – dort wird viel mehr und ganz anders mit Dialogen gearbeitet. Was hat Sie daran gereizt, nach vielen Jahren als Autorin für die Bühne, ein Buch zu publizieren? Existierte diese Idee schon lange?

 

I.Ž.: Ja, ich habe auch lange an diesem Roman geschrieben, auch begleitend zu meiner Arbeit am Theater. Für mich war sein Erscheinen also gar nicht so neu wie für viele Menschen in meinem Umfeld, die überrascht waren, dass ich auch Prosa schreibe. Ich arbeitete tatsächlich aber etwa fünf Jahre an diesem Text. Mich begleitet er schon wahnsinnig lange, gehört schon lange zu meinem Leben dazu. Ich habe gemerkt, dass es mir nicht nur viel Spaß macht, sondern auch gut tut, diese andere Form, die Prosa, auszuprobieren. Auch weil dieser Text letztendlich nur mir und den Leser_innen gehört und nicht durch diese ganze Theatermaschine gehen wird mit Bühnenbild und Kostümen und Schauspieler_innen… Ich liebe dies zwar auch, sonst würde ich nicht Theater machen. Aber mir tat es einfach gut, künstlerisch dem Schreiben eine andere Form zu geben, die erst einmal leiser ist, zwischen zwei Buchdeckeln ruht und sich nicht noch fünfmal verwandelt. Das ist ganz anders als beim Theater.

 

K.S.: Das klingt für mich fast so, als wäre Theater die Arbeit und Prosa eine Leidenschaft für die Freizeit – ein Hobby sozusagen?

 

I.Ž.: Ja und nein; ich nehme natürlich beides gleich ernst, aber dennoch hatte ich einen gewissen Freiraum beim Verfassen des Romans. Aber eher, weil es nie eine Deadline gab. Dies ist bei Aufträgen von Theatern natürlich anders. Auch ein Verlag kann selbstverständlich Deadlines setzen – mal schauen, wie es jetzt beim zweiten Buch wird – doch von diesem ersten wusste ja niemand.

 

K.S.: Ein zweites Buch? Werden Sie demnächst ein weiteres publizieren?

 

I.Ž.: Bestimmt. Ich sag mal bestimmt. Aber ich lasse mir meine Zeit.

 

K.S.: Kommen wir zurück zu Die Nachkommende: Sie sagen, Sie haben etwa fünf Jahre an diesem Roman geschrieben – eine lange Zeit, fast auch eine Art Reise. Das Reisen ist ja der Kern des Romans. Aus einer Reise entstand eine Reise…

 

I.Ž.: Ja genau, es war eine Reise und eine sehr schöne noch dazu, bei der immer wieder verdichtet, überarbeitet, korrigiert und lektoriert wird. Das war ein schöner Teil des Schreibens.

 

K.S.: Der Text ist Prosa, aber doch nicht prosatypisch. Mal ist der Text rechtsbündig, mal steht nur ein einziger Satz auf einer Seite, dazwischen füllt hin und wieder ein Rosenkranz die Seite. Dieser experimentelle Schreibstil, kommt der auch vom Theater?

 

I.Ž.: Das Theater ist sicher freier. Aber Inspiration waren auch andere Autoren und Autorinnen. Mir gefallen Werke im experimentellen Bereich – ich zähle meine Arbeit gar nicht unbedingt dazu, aber ich lese es gerne. Zudem finde ich, ein Buch ist ein formales – oder überhaupt – ein Kunstwerk an und für sich. Ich nehme gerne Bücher in die Hand, bei denen ich merke, dass es nicht nur um den Inhalt geht; ich sehe einem Buch an, wenn sich jemand etwas dabei überlegt hat, und vielleicht auch, was er sich dabei überlegt hat. Die Gestaltung eines Textes erzählt die Geschichte mit und erzählt auch eine eigene – sie erzählt etwas vom Rhythmus. Auch bei mir widerspiegelt dieses Formale den Rhythmus. Ich mag es, wenn dieser sichtbar im Buch ist.

 

K.S.: Die Nachkommende ist nicht nur experimentell gestaltet, sondern Gestalten oder vielmehr Malen ist auch Thema des Buches. Sowohl der verstorbene Großvater als auch der Liebhaber der Protagonistin waren Maler. In welcher Beziehung stehen Malen und Schreiben für Sie?

 

I.Ž.: Konkret mit dem Malen habe ich das Textuelle bis jetzt gar nicht verbunden, mehr grundsätzlich mit dem Visuellen; Text ist Gestaltung. Ein Buch ist etwas Wahnsinniges, ein Kunstwerk. Ich hätte es nicht unbedingt mit dem Malen in Verbindung gebracht, dennoch finde ich das einen durchaus spannenden Ansatz. Es ist einfach schön, wenn man sich in jeder Kunstform mit allen der jeweilig möglichen Ebenen auseinandersetzt und dann eben nicht eine vergisst unterwegs.

 

K.S.: Spielerisch ist nicht nur Ihre Textgestaltung, sondern auch Ihr Umgang mit der Sprache – mit der Zwei- oder genauer gesagt Dreisprachigkeit. Neben dem Deutschen kommen immer wieder kroatische und vereinzelt auch schweizerdeutsche Bruchstücke vor. Sie selbst leben ja auch in diesen drei Sprachen. Spiegelt das Codeswitching im Buch auch Ihr Sprachverhalten wider?

 

Ivna Žic, © Flavio Karrert.

I.Ž.: Einerseits hat es gewiss mit mir zu tun, andererseits ist es eine Art Sprachverhalten von Mehrsprachigkeit, welches ich darstellen wollte, das auch über Zweisprachigkeit hinausgeht. Eigentlich ist der Roman vier-, fünfsprachig. Viele reduzieren das Buch auf die Zweisprachigkeit, wobei ich mir denke: Hey, da sind viel mehr Sprachen vorhanden. Natürlich, das Buch ist vor allem auf Deutsch geschrieben, das kann man nicht negieren. Aber dennoch sind die anderen vorkommenden Sprachen in gewissem Sinne gleichwertig. Mir war es deshalb in der Gestaltung auch wichtig, dass diese sogenannten ‚Fremdsprachen‘ nicht kursiviert werden. Denn wer entscheidet schon, für wen welche Sprache eine Fremdsprache ist. Zudem repräsentiert die Sprachvielfalt die Realität. Wenn wir herumlaufen, fliegen uns ständig verschiedene Sprachfetzen um die Ohren. Zudem ist Zweisprachigkeit die neue Norm, gerade in der Schweiz, einem viersprachigen Land. Da muss man noch nicht mal Migrationshintergrund haben. Wir tragen alle mehrere Sprachen in uns und wir brauchen sie alle. Unabhängig davon, was sie bedeuten. Und deshalb ist mir diese Gleichwertigkeit so wichtig. Wären die kroatischen, englischen, schweizerdeutschen Teile kursiv, so würde man sie zu diesem Fremden, dem Anderen, dem Nichtdeutschen machen. Häufig übersetzte ich die Passagen auch nicht, weil ich schon den Anspruch habe, dass wir die Literatur nicht mehr so einsprachig halten müssen. Sie soll aber nicht halbkroatisch oder halbtürkisch oder sonst was werden, sondern die Sprachen sollen einfach nebeneinanderstehen, nebeneinander koexistieren können.

 

K.S.: Ja, viele kroatische Wörter oder auch Sätze werden nicht übersetzt. Was denken Sie, wie geht ein oder eine nicht Kroatisch sprechende Leserin damit um?

 

I.Ž.: Vielleicht gibt es solche, die sich ärgern, vielleicht gibt es solche, die es so interessiert, dass sie es googeln gehen. Bei den meisten Wörtern ist aber gar nicht so wichtig, sie zu verstehen. Das ist das, was ich meinte, es geht mehr darum, wie die Sprachen benutzt werden. So ist auch die Welt, in der wir uns bewegen; wir verstehen nicht jedes Wort um uns herum. Es ist im Grunde egal, was oder wieviel man von den Sprachfetzen im Buch versteht. Und ich meine egal in einem positiven Sinne, nicht dass die Bedeutungen keinen Wert hätten, sondern dass es gleichwertig ist, ob jemand ein Wort versteht oder nicht. Ich denke, dieser Umgang mit Mehrsprachigkeit kann eine schöne Erfahrung sein.

 

K.S.: Trotz der Vielsprachigkeit ist der Roman auf Deutschsprachige ausgerichtet, da er meistens auf Deutsch verfasst ist. Sind bereits Übersetzungen geplant?

 

I.Ž.: Auf Englisch wurde bereits eine Probeübersetzung des ersten Kapitels gemacht.

 

K.S.: Und funktioniert das auf Englisch? Die Sprachspielereien verändern sich ja dadurch.

 

I.Ž.: Ja, das funktioniert wahnsinnig gut. Ich bin wirklich begeistert von dieser Übersetzung. Es ist nämlich nicht einfach; man muss sich bei einem solchen Text trauen, nicht brav eine Eins-zu-eins-Übersetzung zu machen, sondern sich auch Freiräume zu nehmen. Also Sprachspiele, die ich im Deutschen mache, ins Englische zu übertragen. Nicht eins-zu-eins, Wort für Wort, sondern den Rhythmus, den Flow, die Bewegung zu übersetzen. Der Ton und die Atmosphäre wurden in dieser Übersetzung genau getroffen, so dass ich sehr begeistert bin von dem Ergebnis: Es klingt nach mir, obwohl ich es nicht geschrieben habe – ich bin total geflasht davon und freue mich, wenn das ganze Buch übersetzt wird. Das ist bestimmt eine Herausforderung.

 

K.S.: Und wie sieht es mit einer kroatischen Übersetzung aus?

 

I.Ž.: Der Roman wird ins Kroatische übersetzt werden. Und wir werden sehen, wie es dort gemacht wird, das ist natürlich ein sehr spannender Prozess.

 

K.S.: Apropos Kroatien: Eine Leitfigur des Romans ist das Pferd der Reiterstatue auf dem Ban-Jelačić-Platz. Es begleitet die Protagonistin während ihres Aufenthalts in Zagreb und verfolgt sie samt Busfahrt bis nach Zürich. Was verkörpert dieser Reiter – insbesondere das Pferd – abgesehen von der Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit Kroatiens?

 

I.Ž.: Eigentlich spannend, dass Sie die Unabhängigkeit nennen. Ich hätte es gar nicht unbedingt mit diesem Wort in Verbindung gebracht. Ich sehe es nicht mit der Unabhängigkeit Kroatiens verbunden, es ist für mich kein nationalistisches Pferd. Das wäre ein bisschen eine zu schmale Interpretation. Natürlich ist es sehr politisch aufgeladen; es hat zum Beispiel immer in verschiedene Richtungen gezeigt, mal nach Ungarn – sozusagen als Verteidigung in diese Richtung – dann wurde es entfernt nach dem Zweiten Weltkrieg. Und letztendlich zeigte es unpolitisch Richtung Süden, Richtung Meer. Die Reiterstatue ist ein Symbol und steht einerseits, wie Statuen ja immer, als etwas Massives, Stabiles da, wörtlich in Stein gemeißelt. Andererseits drehte sich diese Statue wie ein Fähnchen im Wind. Sie steht darum für das Land, für die Umbrüche und Verwandlungen. Ich entwurzelte die Reiterstatue jedoch und benutzte sie ebenso als phantastisches Moment wie auch die toten Verwandten und die lebhaften Erinnerungen. Ich finde den Gedanken irgendwie lustig, dass ein so dickes und massives Pferd – wie wir es auch aus anderen europäischen Städten kennen – sich plötzlich in Bewegung setzt und nebenher trabt. Gleichzeitig ist das Pferd auch eine Kindheitserinnerung der Protagonistin.

 

K.S.: Welche Kindheitserinnerung?

 

I.Ž.: Auch wenn das Pferd damals nicht da stand, war doch dieser Platz ein sehr wichtiger Ort – ein Ort, der sehr unpolitisch genutzt wurde. Es war ein sozialer Ort, ein Treffpunkt. Und im Sommer sind solche Städte wie Zagreb dann einfach leer. Und auch dieser belebte Platz ist plötzlich leer. Es ist mega heiß und alle sind am Meer. Und dann hat dieses Pferd plötzlich keine Funktion mehr: niemand ist hier, um sich zu treffen, niemand schaut das Pferd an. Und plötzlich, als würde es sich wie in einer solchen Sommernacht wegschleichen, taucht es abseits vom Platz wieder auf und begleitet die Protagonistin. Ja, eigentlich wie eine Erinnerung. Es ist letztlich ein Symbol der Vergangenheit. Es verkörpert auch eine Vergrößerung oder fungiert vielleicht als Personifizierung eines Kindergefühls, das die Protagonistin von diesem Pferd und diesem Land hatte. Ich denke, man kann ganz viel hier in die Bedeutung dieses Pferdes hineinlegen. Ich fand es aber auch schlichtweg cool, dieses Pferd zu beleben. Ich meine, wenn man sich schon diesen Spielplatz eröffnet, mit phantastischen Elementen zu arbeiten, dann sollte man auch damit spielen, wer nebst den Menschen noch vorkommen kann.

 

K.S.: Interessant, wie Sie auch hier die Bewegung beschreiben. Die Bewegung ist ja ein Thema des Romans – es ist alles eine einzige Bewegung, eben eine Reise.

Wirft man einen Blick auf Ihre Biographie, so bemerkt man bald: Die Protagonistin teilt vieles mit Ihnen. Wie ist das, wenn man eine fiktive Geschichte aufschreibt, die autobiographische Züge aufweist; schöpft man aus den eigenen Erinnerungen und Erfahrungen? Verschwimmen Fiktives und Erinnerungen – diese beiden Leben – vielleicht auch miteinander? So wie auch die vergangenen Zugfahrten?

 

I.Ž.: Grundsätzlich ist es doch so, dass jede Autorin und jeder Autor immer aus dem eigenen Leben heraus schreibt – egal ob bei einem Krimi, Science-Fiction oder welches Genre auch immer – man schöpft aus sich selbst. Dies kann auch lediglich ein Raum oder eine Atmosphäre sein oder eine Figur, die übersetzt wird. Nur weil diese Figur jetzt realistischer ist, als beispielsweise eine Science-Fiction Figur, kommt relativ schnell dieser autobiographische Gedanke. Und man darf auch nicht vergessen, dass Autor_innen am liebsten erfinden. Für andere ist es immer so naheliegend, das Autobiographische zu erkennen und uns danach zu fragen. Aber was am meisten Spaß macht – also mir zumindest – ist doch das Erfinden, das Erzählen. Darum mache ich Theater, darum schreibe ich Bücher, weil ich einfach gerne Geschichten erfinde! Und das sollte man nicht unterschätzen. Es macht mehr Spaß zu erfinden, als Tagebuch zu schreiben.

 

K.S.: Werden Sie denn oft in Bezug auf den Roman mit Fragen zum Autobiographischen konfrontiert?

 

I.Ž.: Ja immer wieder. Und das finde ich schade. Ich denke mir dann: Hey, ich sitze doch nicht hier zum Interview, damit man mich privat kennenlernt. Ich sitze hier, weil ich ein Buch geschrieben habe und darüber möchte ich sprechen. Ich bin bereit, über mein Buch zu sprechen und dies öffentlich zu teilen. Das ist meine Literatur oder mein Theater. Und in diesem Rahmen kann man mich kennenlernen, über meine Kunst sozusagen. Natürlich verstehe ich es auch in gewissem Masse, dass man mich kennenlernen möchte; ich bin eine lebende Person, die man treffen kann und die nicht seit 200 Jahren tot ist. Aber hey Leute; nehmt diese Herausforderung an! Wir sind doch alle immer in einer Rolle. Ich sitze gerade in einer Rolle hier und Sie als Interviewerin ebenso! Ich habe mich heute entschieden: Ich komme hierher, ich bin Autorin und werde in dieser Stunde über mein Buch sprechen. Und das ist jetzt meine Rolle. Ob ich gerade Liebeskummer, Hunger oder Kopfschmerzen habe, hat nichts verloren in einem Interview über mein Buch. Literatur ist Fiktion und schafft Rollen. Man sollte wieder mehr entdecken, Freude daran zu haben, die Kunst spielerisch wahr- und anzunehmen – eigentlich wie im Theater. Wir sind und schaffen ständig neue Rollen. Und darum geht es letztendlich auch in diesem Buch.

 

K.S.: Auf ihrer Website steht, ihr Roman sei frei zur Dramatisierung. Sie haben sich doch dazu entschieden, eben kein Theaterstück aus dieser Geschichte zu machen, sondern bewusst die Romanform gewählt. Funktioniert der Text denn auch als Drama? Würden Sie die Dramatisierung allenfalls selbst vornehmen?

 

I.Ž.: Manchmal überlege ich tatsächlich, ob ich eine Dramatisierung vornehmen sollte. Wie Sie sagen: Ich habe mich entschieden, einen Roman zu schreiben, nicht ein Theaterstück. Andererseits gibt es im Theater mittlerweile viele Romanbearbeitungen. Für mich wäre die Dramatisierung eine solche Romanbearbeitung für das Theater und ich würde mein Buch nicht als Theatertext einer Theaterautorin betrachten. Das könnte ein spannendes Unternehmen sein, also wenn jemand Lust darauf hat, warum nicht? Ich finde es aber absolut nicht schlimm, wenn es nicht gemacht wird. Ich öffne lediglich die Tür dazu. Ich bin glücklich, dass ich einen Roman geschrieben habe, dass er hier ist ‒ in sich geschlossen und abgeschlossen.

 

Bildquelle: Ivna Žic, © Flavio Karrert.

„Wer entscheidet schon, für wen welche Sprache eine Fremdsprache ist.“ - ein Interview mit Ivna Žic - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Wer ent­scheidet schon, für wen welche Sprache eine Fremd­sprache ist.“ – ein Inter­view mit Ivna Žic

Ivna Žic ist Schrift­stel­lerin und Thea­ter­re­gis­seurin und lebt heute in Zürich. Sie wurde in Zagreb geboren und wuchs in Zürich und Basel auf. Ihr Roman Die Nach­kom­mende erschien 2019 bei Matthes & Seitz und wurde für den Schweizer Buch­preis, den Öster­rei­chi­schen Buch­preis und den Rau­riser Lite­ra­tur­preis nomi­niert. Zuvor war sie bereits als Thea­ter­au­torin mit ihren Stü­cken Leben wollen. Zusammen (spä­terer Titel: Die Vor­läu­figen) oder Blei erfolg­reich. In Die Nach­kom­mende ver­knüpft Ivna Žic zwei Zeiten und Welten und vor allem auch zwei Sprachen.

Zu einem Gespräch über ihren Roman Die Nach­kom­mende traf sich Kath­rine Spaar mit Ivna Žic in einem Züri­cher Café.

 

Kath­rine Spaar: Frau Žic, vielen Dank, dass Sie heute hier sind, um mit mir über Ihren Roman Die Nach­kom­mende zu spre­chen. Der Roman beginnt mit einer zwölf­stün­digen Zug­fahrt von Paris nach Zagreb. Der Prot­ago­nistin kommt es vor, als sei dies bereits ihre fünf­hun­dertste Fahrt nach Zagreb. Frau Žic, können Sie sich an Ihre erste Reise nach Kroa­tien erinnern?

 

Ivna Žic: Nein, ich glaube das ist bei mir tat­säch­lich ebenso ein Gemisch aus Wie­der­ho­lungen, wie es auch im Roman beschrieben wird. Ich per­sön­lich habe dies auch oft gemacht – mit dem Zug nach Kroa­tien – und kann die erste, zweite, dritte, vierte und fünfte Fahrt nicht mehr wirk­lich aus­ein­an­der­halten. Den beschrie­benen Zustand kann ver­mut­lich jeder nach­voll­ziehen, der mehr­mals an den­selben Ort gereist ist.

 

K.S.: Diese Fahrt ist ja ziem­lich phan­tas­tisch. Die toten oder auch noch lebenden Ver­wandten begleiten die Prot­ago­nistin als eine Art ‚Ahnen­geister‘ wäh­rend ihrer gesamten Reise. Ver­gan­gene Geschichten und Erleb­nisse werden wie­der­ge­geben. Welche Rolle spielen diese Erzäh­lungen der Vergangenheit?

 

I.Ž.: (lacht) Nun, das ist ja eigent­lich eine Frage, die die anderen beant­worten sollten. Viel­leicht können Sie ja erzählen, was es mit Ihnen gemacht hat?

 

K.S.: Ich denke, es könnte ein Kunst­griff sein, sodass der innere Monolog der Prot­ago­nistin zu einem Dialog wird und Gespräche ent­stehen können, obwohl wir uns wei­terhin nur in ihrem Kopf und ihren Gedanken befinden. Wir erfahren durch die Erzäh­lungen etwas über die Protagonistin.

 

I.Ž.: Genau, die Dia­loge und Erzäh­lungen dienen als eine Art Per­so­ni­fi­zie­rung oder Iden­ti­fi­zie­rung der Prot­ago­nistin. Im gesamten Buch ist die Prot­ago­nistin meis­tens allein. Die wenigen echten Begeg­nungen sind eher zufällig. Also wenn sie – ich nenn’ es mal ‚echten‘ Men­schen begegnet, sind dies Leute, die sie eigent­lich gar nicht so gut kennt. Ein Kellner, eine Frau mitten in der Nacht, der alte Mann am Ende. Da tau­chen zufäl­lige Figuren auf. Kunst­griff ist darum der tref­fende Begriff: Man holt diese Men­schen, die sie schon lange kennt – egal ob lebendig oder tot – zum Dialog hervor, aber nicht in einer echten Begeg­nung. Es ist eine andere Situa­tion, wenn das Gespräch phan­tas­tisch gestaltet ist, wie eine Erin­ne­rung, als würden Groß­mutter und Enkelin am Tisch sitzen und plau­dern. Ich wollte diesen Rea­lismus ver­meiden. So kommt man nicht weit, solche Gespräche drehen sich im Kreis, wäh­rend ein fik­tives Gespräch über Erin­ne­rungen einen viel grö­ßeren Raum öffnet. Man weiß letzt­end­lich nicht, ob diese Men­schen so spre­chen würden und so gespro­chen haben – viel­leicht ist dies nur ein Wunsch der Prot­ago­nistin. Wer weiß das?

 

K.S.: Stimmt. Ich kann bestä­tigen, dieser Kunst­griff hat wun­derbar funk­tio­niert. Eigent­lich span­nend, dass Sie die Dia­loge oft im inneren Monolog ver­pa­cken. Sie sind haupt­säch­lich Thea­ter­re­gis­seurin – dort wird viel mehr und ganz anders mit Dia­logen gear­beitet. Was hat Sie daran gereizt, nach vielen Jahren als Autorin für die Bühne, ein Buch zu publi­zieren? Exis­tierte diese Idee schon lange?

 

I.Ž.: Ja, ich habe auch lange an diesem Roman geschrieben, auch beglei­tend zu meiner Arbeit am Theater. Für mich war sein Erscheinen also gar nicht so neu wie für viele Men­schen in meinem Umfeld, die über­rascht waren, dass ich auch Prosa schreibe. Ich arbei­tete tat­säch­lich aber etwa fünf Jahre an diesem Text. Mich begleitet er schon wahn­sinnig lange, gehört schon lange zu meinem Leben dazu. Ich habe gemerkt, dass es mir nicht nur viel Spaß macht, son­dern auch gut tut, diese andere Form, die Prosa, aus­zu­pro­bieren. Auch weil dieser Text letzt­end­lich nur mir und den Leser_innen gehört und nicht durch diese ganze Thea­ter­ma­schine gehen wird mit Büh­nen­bild und Kos­tümen und Schauspieler_innen… Ich liebe dies zwar auch, sonst würde ich nicht Theater machen. Aber mir tat es ein­fach gut, künst­le­risch dem Schreiben eine andere Form zu geben, die erst einmal leiser ist, zwi­schen zwei Buch­de­ckeln ruht und sich nicht noch fünfmal ver­wan­delt. Das ist ganz anders als beim Theater.

 

K.S.: Das klingt für mich fast so, als wäre Theater die Arbeit und Prosa eine Lei­den­schaft für die Frei­zeit – ein Hobby sozusagen? 

 

I.Ž.: Ja und nein; ich nehme natür­lich beides gleich ernst, aber den­noch hatte ich einen gewissen Frei­raum beim Ver­fassen des Romans. Aber eher, weil es nie eine Dead­line gab. Dies ist bei Auf­trägen von Thea­tern natür­lich anders. Auch ein Verlag kann selbst­ver­ständ­lich Dead­lines setzen – mal schauen, wie es jetzt beim zweiten Buch wird – doch von diesem ersten wusste ja niemand.

 

K.S.: Ein zweites Buch? Werden Sie dem­nächst ein wei­teres publizieren?

 

I.Ž.: Bestimmt. Ich sag mal bestimmt. Aber ich lasse mir meine Zeit.

 

K.S.: Kommen wir zurück zu Die Nach­kom­mende: Sie sagen, Sie haben etwa fünf Jahre an diesem Roman geschrieben – eine lange Zeit, fast auch eine Art Reise. Das Reisen ist ja der Kern des Romans. Aus einer Reise ent­stand eine Reise…

 

I.Ž.: Ja genau, es war eine Reise und eine sehr schöne noch dazu, bei der immer wieder ver­dichtet, über­ar­beitet, kor­ri­giert und lek­to­riert wird. Das war ein schöner Teil des Schreibens.

 

K.S.: Der Text ist Prosa, aber doch nicht pro­sa­ty­pisch. Mal ist der Text rechts­bündig, mal steht nur ein ein­ziger Satz auf einer Seite, dazwi­schen füllt hin und wieder ein Rosen­kranz die Seite. Dieser expe­ri­men­telle Schreib­stil, kommt der auch vom Theater?

 

I.Ž.: Das Theater ist sicher freier. Aber Inspi­ra­tion waren auch andere Autoren und Autorinnen. Mir gefallen Werke im expe­ri­men­tellen Bereich – ich zähle meine Arbeit gar nicht unbe­dingt dazu, aber ich lese es gerne. Zudem finde ich, ein Buch ist ein for­males – oder über­haupt – ein Kunst­werk an und für sich. Ich nehme gerne Bücher in die Hand, bei denen ich merke, dass es nicht nur um den Inhalt geht; ich sehe einem Buch an, wenn sich jemand etwas dabei über­legt hat, und viel­leicht auch, was er sich dabei über­legt hat. Die Gestal­tung eines Textes erzählt die Geschichte mit und erzählt auch eine eigene – sie erzählt etwas vom Rhythmus. Auch bei mir wider­spie­gelt dieses For­male den Rhythmus. Ich mag es, wenn dieser sichtbar im Buch ist.

 

K.S.: Die Nach­kom­mende ist nicht nur expe­ri­men­tell gestaltet, son­dern Gestalten oder viel­mehr Malen ist auch Thema des Buches. Sowohl der ver­stor­bene Groß­vater als auch der Lieb­haber der Prot­ago­nistin waren Maler. In wel­cher Bezie­hung stehen Malen und Schreiben für Sie?

 

I.Ž.: Kon­kret mit dem Malen habe ich das Tex­tu­elle bis jetzt gar nicht ver­bunden, mehr grund­sätz­lich mit dem Visu­ellen; Text ist Gestal­tung. Ein Buch ist etwas Wahn­sin­niges, ein Kunst­werk. Ich hätte es nicht unbe­dingt mit dem Malen in Ver­bin­dung gebracht, den­noch finde ich das einen durchaus span­nenden Ansatz. Es ist ein­fach schön, wenn man sich in jeder Kunst­form mit allen der jeweilig mög­li­chen Ebenen aus­ein­an­der­setzt und dann eben nicht eine ver­gisst unterwegs.

 

K.S.: Spie­le­risch ist nicht nur Ihre Text­ge­stal­tung, son­dern auch Ihr Umgang mit der Sprache – mit der Zwei- oder genauer gesagt Drei­spra­chig­keit. Neben dem Deut­schen kommen immer wieder kroa­ti­sche und ver­ein­zelt auch schwei­zer­deut­sche Bruch­stücke vor. Sie selbst leben ja auch in diesen drei Spra­chen. Spie­gelt das Code­s­wit­ching im Buch auch Ihr Sprach­ver­halten wider?

 

Ivna Žic, © Flavio Karrert.

I.Ž.: Einer­seits hat es gewiss mit mir zu tun, ande­rer­seits ist es eine Art Sprach­ver­halten von Mehr­spra­chig­keit, wel­ches ich dar­stellen wollte, das auch über Zwei­spra­chig­keit hin­aus­geht. Eigent­lich ist der Roman vier‑, fünf­spra­chig. Viele redu­zieren das Buch auf die Zwei­spra­chig­keit, wobei ich mir denke: Hey, da sind viel mehr Spra­chen vor­handen. Natür­lich, das Buch ist vor allem auf Deutsch geschrieben, das kann man nicht negieren. Aber den­noch sind die anderen vor­kom­menden Spra­chen in gewissem Sinne gleich­wertig. Mir war es des­halb in der Gestal­tung auch wichtig, dass diese soge­nannten ‚Fremd­spra­chen‘ nicht kur­si­viert werden. Denn wer ent­scheidet schon, für wen welche Sprache eine Fremd­sprache ist. Zudem reprä­sen­tiert die Sprach­viel­falt die Rea­lität. Wenn wir her­um­laufen, fliegen uns ständig ver­schie­dene Sprach­fetzen um die Ohren. Zudem ist Zwei­spra­chig­keit die neue Norm, gerade in der Schweiz, einem vier­spra­chigen Land. Da muss man noch nicht mal Migra­ti­ons­hin­ter­grund haben. Wir tragen alle meh­rere Spra­chen in uns und wir brau­chen sie alle. Unab­hängig davon, was sie bedeuten. Und des­halb ist mir diese Gleich­wer­tig­keit so wichtig. Wären die kroa­ti­schen, eng­li­schen, schwei­zer­deut­schen Teile kursiv, so würde man sie zu diesem Fremden, dem Anderen, dem Nicht­deut­schen machen. Häufig über­setzte ich die Pas­sagen auch nicht, weil ich schon den Anspruch habe, dass wir die Lite­ratur nicht mehr so ein­spra­chig halten müssen. Sie soll aber nicht halb­kroa­tisch oder halb­tür­kisch oder sonst was werden, son­dern die Spra­chen sollen ein­fach neben­ein­an­der­stehen, neben­ein­ander koexis­tieren können.

 

K.S.: Ja, viele kroa­ti­sche Wörter oder auch Sätze werden nicht über­setzt. Was denken Sie, wie geht ein oder eine nicht Kroa­tisch spre­chende Leserin damit um?

 

I.Ž.: Viel­leicht gibt es solche, die sich ärgern, viel­leicht gibt es solche, die es so inter­es­siert, dass sie es goo­geln gehen. Bei den meisten Wör­tern ist aber gar nicht so wichtig, sie zu ver­stehen. Das ist das, was ich meinte, es geht mehr darum, wie die Spra­chen benutzt werden. So ist auch die Welt, in der wir uns bewegen; wir ver­stehen nicht jedes Wort um uns herum. Es ist im Grunde egal, was oder wie­viel man von den Sprach­fetzen im Buch ver­steht. Und ich meine egal in einem posi­tiven Sinne, nicht dass die Bedeu­tungen keinen Wert hätten, son­dern dass es gleich­wertig ist, ob jemand ein Wort ver­steht oder nicht. Ich denke, dieser Umgang mit Mehr­spra­chig­keit kann eine schöne Erfah­rung sein.

 

K.S.: Trotz der Viel­spra­chig­keit ist der Roman auf Deutsch­spra­chige aus­ge­richtet, da er meis­tens auf Deutsch ver­fasst ist. Sind bereits Über­set­zungen geplant?

 

I.Ž.: Auf Eng­lisch wurde bereits eine Pro­be­über­set­zung des ersten Kapi­tels gemacht.

 

K.S.: Und funk­tio­niert das auf Eng­lisch? Die Sprach­spie­le­reien ver­än­dern sich ja dadurch.

 

I.Ž.: Ja, das funk­tio­niert wahn­sinnig gut. Ich bin wirk­lich begeis­tert von dieser Über­set­zung. Es ist näm­lich nicht ein­fach; man muss sich bei einem sol­chen Text trauen, nicht brav eine Eins-zu-eins-Über­set­zung zu machen, son­dern sich auch Frei­räume zu nehmen. Also Sprach­spiele, die ich im Deut­schen mache, ins Eng­li­sche zu über­tragen. Nicht eins-zu-eins, Wort für Wort, son­dern den Rhythmus, den Flow, die Bewe­gung zu über­setzen. Der Ton und die Atmo­sphäre wurden in dieser Über­set­zung genau getroffen, so dass ich sehr begeis­tert bin von dem Ergebnis: Es klingt nach mir, obwohl ich es nicht geschrieben habe – ich bin total geflasht davon und freue mich, wenn das ganze Buch über­setzt wird. Das ist bestimmt eine Herausforderung.

 

K.S.: Und wie sieht es mit einer kroa­ti­schen Über­set­zung aus?

 

I.Ž.: Der Roman wird ins Kroa­ti­sche über­setzt werden. Und wir werden sehen, wie es dort gemacht wird, das ist natür­lich ein sehr span­nender Prozess.

 

K.S.: Apropos Kroa­tien: Eine Leit­figur des Romans ist das Pferd der Rei­ter­statue auf dem Ban-Jelačić-Platz. Es begleitet die Prot­ago­nistin wäh­rend ihres Auf­ent­halts in Zagreb und ver­folgt sie samt Bus­fahrt bis nach Zürich. Was ver­kör­pert dieser Reiter – ins­be­son­dere das Pferd – abge­sehen von der Erlan­gung der staat­li­chen Unab­hän­gig­keit Kroatiens?

 

I.Ž.: Eigent­lich span­nend, dass Sie die Unab­hän­gig­keit nennen. Ich hätte es gar nicht unbe­dingt mit diesem Wort in Ver­bin­dung gebracht. Ich sehe es nicht mit der Unab­hän­gig­keit Kroa­tiens ver­bunden, es ist für mich kein natio­na­lis­ti­sches Pferd. Das wäre ein biss­chen eine zu schmale Inter­pre­ta­tion. Natür­lich ist es sehr poli­tisch auf­ge­laden; es hat zum Bei­spiel immer in ver­schie­dene Rich­tungen gezeigt, mal nach Ungarn – sozu­sagen als Ver­tei­di­gung in diese Rich­tung – dann wurde es ent­fernt nach dem Zweiten Welt­krieg. Und letzt­end­lich zeigte es unpo­li­tisch Rich­tung Süden, Rich­tung Meer. Die Rei­ter­statue ist ein Symbol und steht einer­seits, wie Sta­tuen ja immer, als etwas Mas­sives, Sta­biles da, wört­lich in Stein gemei­ßelt. Ande­rer­seits drehte sich diese Statue wie ein Fähn­chen im Wind. Sie steht darum für das Land, für die Umbrüche und Ver­wand­lungen. Ich ent­wur­zelte die Rei­ter­statue jedoch und benutzte sie ebenso als phan­tas­ti­sches Moment wie auch die toten Ver­wandten und die leb­haften Erin­ne­rungen. Ich finde den Gedanken irgendwie lustig, dass ein so dickes und mas­sives Pferd – wie wir es auch aus anderen euro­päi­schen Städten kennen – sich plötz­lich in Bewe­gung setzt und nebenher trabt. Gleich­zeitig ist das Pferd auch eine Kind­heits­er­in­ne­rung der Protagonistin.

 

K.S.: Welche Kindheitserinnerung?

 

I.Ž.: Auch wenn das Pferd damals nicht da stand, war doch dieser Platz ein sehr wich­tiger Ort – ein Ort, der sehr unpo­li­tisch genutzt wurde. Es war ein sozialer Ort, ein Treff­punkt. Und im Sommer sind solche Städte wie Zagreb dann ein­fach leer. Und auch dieser belebte Platz ist plötz­lich leer. Es ist mega heiß und alle sind am Meer. Und dann hat dieses Pferd plötz­lich keine Funk­tion mehr: nie­mand ist hier, um sich zu treffen, nie­mand schaut das Pferd an. Und plötz­lich, als würde es sich wie in einer sol­chen Som­mer­nacht weg­schlei­chen, taucht es abseits vom Platz wieder auf und begleitet die Prot­ago­nistin. Ja, eigent­lich wie eine Erin­ne­rung. Es ist letzt­lich ein Symbol der Ver­gan­gen­heit. Es ver­kör­pert auch eine Ver­grö­ße­rung oder fun­giert viel­leicht als Per­so­ni­fi­zie­rung eines Kin­der­ge­fühls, das die Prot­ago­nistin von diesem Pferd und diesem Land hatte. Ich denke, man kann ganz viel hier in die Bedeu­tung dieses Pferdes hin­ein­legen. Ich fand es aber auch schlichtweg cool, dieses Pferd zu beleben. Ich meine, wenn man sich schon diesen Spiel­platz eröffnet, mit phan­tas­ti­schen Ele­menten zu arbeiten, dann sollte man auch damit spielen, wer nebst den Men­schen noch vor­kommen kann.

 

K.S.: Inter­es­sant, wie Sie auch hier die Bewe­gung beschreiben. Die Bewe­gung ist ja ein Thema des Romans – es ist alles eine ein­zige Bewe­gung, eben eine Reise.

Wirft man einen Blick auf Ihre Bio­gra­phie, so bemerkt man bald: Die Prot­ago­nistin teilt vieles mit Ihnen. Wie ist das, wenn man eine fik­tive Geschichte auf­schreibt, die auto­bio­gra­phi­sche Züge auf­weist; schöpft man aus den eigenen Erin­ne­rungen und Erfah­rungen? Ver­schwimmen Fik­tives und Erin­ne­rungen – diese beiden Leben – viel­leicht auch mit­ein­ander? So wie auch die ver­gan­genen Zugfahrten?

 

I.Ž.: Grund­sätz­lich ist es doch so, dass jede Autorin und jeder Autor immer aus dem eigenen Leben heraus schreibt – egal ob bei einem Krimi, Sci­ence-Fic­tion oder wel­ches Genre auch immer – man schöpft aus sich selbst. Dies kann auch ledig­lich ein Raum oder eine Atmo­sphäre sein oder eine Figur, die über­setzt wird. Nur weil diese Figur jetzt rea­lis­ti­scher ist, als bei­spiels­weise eine Sci­ence-Fic­tion Figur, kommt relativ schnell dieser auto­bio­gra­phi­sche Gedanke. Und man darf auch nicht ver­gessen, dass Autor_innen am liebsten erfinden. Für andere ist es immer so nahe­lie­gend, das Auto­bio­gra­phi­sche zu erkennen und uns danach zu fragen. Aber was am meisten Spaß macht – also mir zumin­dest – ist doch das Erfinden, das Erzählen. Darum mache ich Theater, darum schreibe ich Bücher, weil ich ein­fach gerne Geschichten erfinde! Und das sollte man nicht unter­schätzen. Es macht mehr Spaß zu erfinden, als Tage­buch zu schreiben.

 

K.S.: Werden Sie denn oft in Bezug auf den Roman mit Fragen zum Auto­bio­gra­phi­schen konfrontiert?

 

I.Ž.: Ja immer wieder. Und das finde ich schade. Ich denke mir dann: Hey, ich sitze doch nicht hier zum Inter­view, damit man mich privat ken­nen­lernt. Ich sitze hier, weil ich ein Buch geschrieben habe und dar­über möchte ich spre­chen. Ich bin bereit, über mein Buch zu spre­chen und dies öffent­lich zu teilen. Das ist meine Lite­ratur oder mein Theater. Und in diesem Rahmen kann man mich ken­nen­lernen, über meine Kunst sozu­sagen. Natür­lich ver­stehe ich es auch in gewissem Masse, dass man mich ken­nen­lernen möchte; ich bin eine lebende Person, die man treffen kann und die nicht seit 200 Jahren tot ist. Aber hey Leute; nehmt diese Her­aus­for­de­rung an! Wir sind doch alle immer in einer Rolle. Ich sitze gerade in einer Rolle hier und Sie als Inter­viewerin ebenso! Ich habe mich heute ent­schieden: Ich komme hierher, ich bin Autorin und werde in dieser Stunde über mein Buch spre­chen. Und das ist jetzt meine Rolle. Ob ich gerade Lie­bes­kummer, Hunger oder Kopf­schmerzen habe, hat nichts ver­loren in einem Inter­view über mein Buch. Lite­ratur ist Fik­tion und schafft Rollen. Man sollte wieder mehr ent­de­cken, Freude daran zu haben, die Kunst spie­le­risch wahr- und anzu­nehmen – eigent­lich wie im Theater. Wir sind und schaffen ständig neue Rollen. Und darum geht es letzt­end­lich auch in diesem Buch.

 

K.S.: Auf ihrer Web­site steht, ihr Roman sei frei zur Dra­ma­ti­sie­rung. Sie haben sich doch dazu ent­schieden, eben kein Thea­ter­stück aus dieser Geschichte zu machen, son­dern bewusst die Roman­form gewählt. Funk­tio­niert der Text denn auch als Drama? Würden Sie die Dra­ma­ti­sie­rung allen­falls selbst vornehmen?

 

I.Ž.: Manchmal über­lege ich tat­säch­lich, ob ich eine Dra­ma­ti­sie­rung vor­nehmen sollte. Wie Sie sagen: Ich habe mich ent­schieden, einen Roman zu schreiben, nicht ein Thea­ter­stück. Ande­rer­seits gibt es im Theater mitt­ler­weile viele Roman­be­ar­bei­tungen. Für mich wäre die Dra­ma­ti­sie­rung eine solche Roman­be­ar­bei­tung für das Theater und ich würde mein Buch nicht als Thea­ter­text einer Thea­ter­au­torin betrachten. Das könnte ein span­nendes Unter­nehmen sein, also wenn jemand Lust darauf hat, warum nicht? Ich finde es aber absolut nicht schlimm, wenn es nicht gemacht wird. Ich öffne ledig­lich die Tür dazu. Ich bin glück­lich, dass ich einen Roman geschrieben habe, dass er hier ist ‒ in sich geschlossen und abgeschlossen.

 

Bild­quelle: Ivna Žic, © Flavio Karrert.