Es gibt Filme, die uns mit der Wucht einer über uns hereinbrechenden Welle erfassen. Und es gibt jene, die uns langsam und unaufdringlich umspülen, wie ein sanfter Wellengang. Sowing the Seeds of the Wild gehört zur zweiten Kategorie und ist gerade deshalb nicht weniger radikal.
Der Dokumentarfilm, der beim Filmfestival Cottbus 2025 seine Deutschlandpremiere hatte, weigert sich, den Tempoerwartungen unserer Gegenwart zu entsprechen. Das Werk begleitet den Musiker und Aktivisten Michal Zygmunt, der mit seiner elfjährigen Tochter Karina aufbricht, um die Oder zu bereisen. Die Reise beginnt am Fluss Bug und verläuft über mehr als 1300 Kilometer durch verschiedene Gewässer bis zur Oder – und scheint doch in etwas Größeres zu führen: den Versuch, der Natur wieder näherzukommen, ihr eine Stimme zu geben und den eigenen Platz in ihr neu zu bestimmen.
Die Kamera von Adam Lach zeigt dabei eine verletzbare Natur, deren Schönheit gerade darin liegt, dass sie nicht monumental ist. Es ist eine Schönheit der Stille, der Feinheiten, der Nebelstreifen über dem Wasser, unter deren Oberfläche sich ein Knoten aus politischer Wut, ökologischer Sorge und existenzieller Suche zusammenzieht.

Die Oder spricht, aber niemand hört ihr zu
Im Verlauf dieser Reise verschiebt sich der Blick, in welchem der Fluss immer stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Die Oder ist hier keine Kulisse, sondern ein handelndes Subjekt: organisch, atmend und verletzlich. Dabei gelingt es der Kamera mühelos, die vielschichtigen Stimmungen der Oder einzufangen: im Morgennebel, im gleißenden Licht, in der Ruhe eines spiegelglatten Abends, gleich einer gemäldeartigen Landschaftsaufnahme.
Der Film ist eine Ode an das Wesen des Flusses, dabei gleichzeitig ein Requiem. Die Reise ist hierbei nicht unbelastet, denn sie beginnt vor dem Hintergrund des massiven Fischsterbens, das 2022 die Oder heimsuchte. Ein ökologisches Desaster, dessen Ursache in Giftabwässern aus Industrieanlagen vermutet wird, auf das die polnische Regierung unzureichend reagierte. Der Film benennt dies nicht in einem großen übergeordneten Narrativ, sondern in vielen leisen und scheinbar unzusammenhängenden Momenten: Gesprächsfetzen, Frust in den Augen des Protagonisten und Begegnungen mit Menschen entlang des Flusses.
Die eindrucksvolle Schleusenszene, nicht zufällig in der Mitte des Films, rückt eine weitere Machtperspektive ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Die Oder wird in Kanäle gezwängt, Wege bleiben versperrt, Routen brechen ab. In einem Geflecht aus Kontrolle, Bürokratie und dem tiefen Missverständnis, über etwas herrschen zu können, das sich nicht besitzen lässt, entscheidet dennoch die menschliche Hand darüber, welchen Weg das Wasser nehmen darf. Die Schwierigkeiten der Route, wie zum Beispiel verschlossene Schleusen, Umwege und Sackgassen, sind dabei nicht nur als organisatorische Herausforderungen zu verstehen. Sie scheinen vielmehr Verdichtungen einer Realität, in der Flüsse und deren natürlichen Systeme nur noch innerhalb administrativer Raster existieren dürfen.

Ein Vater, eine Tochter, ein Erbe
Die Tochter des tief mit der Oder verbundenen Protagonisten Michał Zygmunt ist eine der stillen Kräfte des Films. Ihre Figur kommentiert nicht, sie existiert einfach in dieser Welt, wie ein eigener Atemzug des Flusses. Die Eltern-Kind-Beziehung wirkt nicht sentimental, sondern elementar und gleicht einem unausgesprochenen Generationenvertrag. Wenn sie gemeinsam in ihrem kleinen Holzboot über das Wasser gleiten, entsteht ein Bild der Verantwortung, das leise fragt, was wir an die Welt weitergeben. Ist es eine Welt, in der Flüsse sterben? Oder eine Welt, in der wir lernen, wieder mit ihnen zu leben?
„Die Klimakrise ist eine Krise der Vorstellungskraft“
Diese von der Regisseurin Dyba Lach bei der Premiere formulierte Aussage steht wie ein programmatischer Schlüssel über dem Film. Indem sie die Klimakrise ausdrücklich als „Krise der Vorstellungskraft“ bezeichnet, verschiebt sie den Fokus weg von bloßen Daten, Fakten und sichtbaren Folgen hin zu der Frage, was wir uns überhaupt vorstellen können und vielleicht gerade nicht vorstellen wollen. Wir wissen alles, verfügen über Bilder und Prognosen, und dennoch gelingt es uns nicht, anders zu leben: weil uns die Fähigkeit fehlt, uns andere Zukünfte vorzustellen, und weil wir verlernt haben, uns selbst als Teil der Natur zu begreifen.
Mit ihrem Film entwirft Dyba Lach die Vorstellung einer Welt, die sich nur retten lässt, wenn wir uns selbst verändern. Nicht technologisch, sondern imaginativ.

Fazit: Ein filmischer Weckruf, der in der Stille liegt
Sowing the Seeds of the Wild ist kein Film, der Antworten liefert. Das ist ein Film, der Fragen stellt und Räume öffnet. Er gleicht einer einladenden Aufforderung: Setz dich ans Ufer. Hör dem Wasser zu. Spür den Wind. Beginne zu verstehen. In seiner Ruhe liegt seine Kraft. In seiner Langsamkeit seine Dringlichkeit. Und in seiner Schönheit seine politische Überzeugung.
Der Film ist ein Weckruf. Nicht durch Lautstärke, sondern durch das, was wir verlernt haben – Achtsamkeit. Man verlässt den Kinosaal mit dem Gefühl, dass die Reise nicht zu Ende ist. Dass der Fluss weiterfließt. Und dass wir ihm vielleicht irgendwann wieder zuhören können.
Sowing the Seeds of the Wild (Originaltitel: Przynoszę Ci dzikość), Regie: Dyba Lach, Polen, 2024, 72 Min.
Quelle des Titelbilds: https://wroclawfilmcommission.pl/en/koprodukcje/sowing-the-seeds-of-the-wild/
Quellen der Filmstills im Beitrag: https://popcentrala.com/dzikosc-to-rownowaga/ / https://culture.pl/pl/dzielo/przynosze-ci-dzikosc-rez-dyba-lach
Quelle des Filmplakats: https://www.filmweb.pl/film/Przynoszę+Ci+dzikość-2024-10052176