Kuba steckt mitten in einer polizeilich angeordneten Suchttherapie, doch noch bevor sie richtig beginnt, wird er von seinem exzentrischen Onkel Jerzy – Verschwörungstheoretiker und unabhängiger Internetjournalist seines Kanals Prawda TV („Wahrheit TV“) – in einen unterirdischen Bunker entführt. Dort entdeckt Kuba eine Welt voller skurriler Aufgaben und lokaler politischer Machenschaften in einem polnischen Provinznest. Hinter all dem Wahnsinn lauert eine reale Gefahr: giftige Abfälle und eine verseuchte Flusslandschaft.
In Michał Tylkas Debütfilm Uncle Truther entwickelt sich ein groteskes Szenario, in dem Komödie, absurder Slapstick und Spannungselemente miteinander verschmelzen. Ein Soundtrack aus 80er-Jahre-Hits und polnischem Rap sowie der gezielte Einsatz unterschiedlicher Kameraperspektiven produzieren eine surreale Atmosphäre. Jede Figur – von Onkel Jerzy über den rätselhaften „Oberst“ bis zur esoterischen Barbara – treibt die Handlung mit ihren bizarren Eigenheiten voran.
Während der Entführung in den Bunker entzieht Jerzy Kuba seine persönlichen Dokumente, um ihn zur Mitarbeit an den Aufgaben zu zwingen. Anfangs agiert der Protagonist im Schatten seines Onkels, doch die Aussicht auf die Rückgabe seiner Unterlagen treibt ihn dazu, eigene Schritte zu unternehmen. All dies spielt im malerischen Słupczyn, wo sich unterschiedliche Facetten der polnischen Provinz zu einem vielschichtigen Panorama verbinden. Regisseur Tylka lässt die fiktive Ortschaft zu einer Akteurin werden: Vor uns entfaltet sich ein Ort, an dem lokale Legenden, Gerüchte und Internetmythen auf reale Alltagsprobleme treffen. Mitten in dieser Welt liegt auch Jerzys Bunker, ausgestattet mit einer Uhr, die den Countdown zum Weltuntergang anzeigt, einer Badewanne zum Strahlenschutz und weiteren skurrilen Gadgets. Hier beginnt Kubas unfreiwillige Zusammenarbeit mit seinem Onkel, um die von diesem vermutete Verschwörung gegen die Behörden in Słupczyn aufzudecken.
Kuba fungiert als Stimme der Vernunft in Jerzys eigensinniger Parallelwelt. In dieser Realität scheint Onkel Jerzy alles besser zu wissen: Chemtrails vergiften die Menschen, Chips kontrollieren Körper und Geist, und jegliche Form von Therapie wird misstrauisch als Versuch der Manipulation betrachtet. Jerzy interpretiert jedes Detail der Umgebung als Teil eines größeren Plans, den nur er vollständig durchschaut.
Polnisches Originalplakat und englischsprachige Plakatfassung. Quelle: https://www.themoviedb.org
Onkel Jerzy, stilisiert mit rotem Käppi (!), ist eine zutiefst politische Figur. Seine Kandidatur zum Bürgermeister in Słupczyn vereint seinen Drang nach Sichtbarkeit und das Bestreben, die öffentliche Wahrnehmung zu kontrollieren. „Wahrheit TV“, sein amateurhafter Online-Nachrichtensender, dient als lokale Propagandaplattform. Grotesker Humor führt vor Augen, wie aus Angst und Misstrauen politisches Kapital gewonnen wird.
Allmählich wird Kuba bewusst, dass Jerzys Verschwörungserzählungen reale Missstände nicht aufdecken, sondern in den Hintergrund drängen. Durch Videos und Wahlkampfreden inszeniert Jerzy apokalyptische Szenarien, wodurch konkrete Umweltprobleme aus dem Blick geraten: Flüsse und Luft werden von lokalen Behörden verschmutzt, giftige Abfälle stellen eine reale Gefahr dar. Kuba erkennt, dass aktives Handeln notwendig ist, um diese Missstände sichtbar zu machen, anstatt sie, wie sein Onkel, für eigennützige Zwecke zu instrumentalisieren. Die greifbaren Probleme treten in der skurrilen, überdrehten Filmrealität besonders hervor und stehen in bedrohlichem Kontrast zu ihr.
Der Film entfaltet bewusst eine experimentelle Struktur, die die Urteilskraft der Zuschauer*innen herausfordert. Gleichzeitig ist er unterhaltsam und bedrückend: Was bedeutet Wahrheit in einer von Medien bestimmten Welt, wie funktioniert lokale Politik, und lässt sich die Umwelt überhaupt noch retten? Tylka nutzt Komik und Groteske und lässt das Publikum mit Fragen über das zeitgenössische Leben in Polen zurück. Und nebenbei: Kennen wir nicht alle mindestens einen „Uncle Truther“?
Uncle Truther (Originaltitel: Wujek Foliarz), Regie: Michał Tylka, Polen, 2025, 80 Minuten.
Quelle des Filmstills im Titel: https://www.filmfestivalcottbus.de/de/programm/movie/2731.html

