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"Wissen kann heilen, aber das Wissen war hinter den Türen des Archivs versiegelt" – Sergej Lebedew im Gespräch mit novinki

Posted on 22. September 2023 by Ivana Širinić
In einem Interview für novinki erläutert Schriftsteller Sergej Lebedew seinen Debütroman "Der Himmel auf ihren Schultern" aus heutiger Sicht und teilt seine Überlegungen zur globalen Wahrnehmung der russischen Sprache und Literatur im Kontext des umfassenden Angriffskriegs auf die Ukraine.

Der in Moskau geborene und derzeit in Potsdam lebende Sergej Lebedew ist einer der populärsten und meistübersetzten russischen Gegenwartsautoren im Westen. In Russland wurde er jedoch von der Literaturkritik wie auch vom Lesepublikum weitgehend übersehen. Lebedew ist ein entschiedener Gegner des Putin-Regimes. Seiner Meinung nach gibt es eine klare Linie zwischen der Strafflosigkeit der sowjetischen Verbrechen und dem heutigen russischen Überfall auf die Ukraine. Daher scheint sein 2011 erschienener Debütroman Предел забвения (deutsche Ausgabe: Der Himmel auf ihren Schultern, übersetzt von Franziska Zwerg) im heutigen Kontext neue Relevanz zu bekommen, denn er behandelt die Fragen der Verantwortung und der Aufarbeitung von Russlands repressiver Vergangenheit. In einem Interview für novinki erläutert Sergej Lebedew seinen Debütroman aus heutiger Sicht und teilt seine Überlegungen zur globalen Wahrnehmung der russischen Sprache und Literatur im Kontext des umfassenden Angriffskriegs auf die Ukraine.

 

Rezeptionen: Russland vs. anderswo

novinki: Es scheint, dass Sie hier im Westen viel populärer sind als in Russland – was glauben Sie, woran das liegt?

Sergej Lebedew: Als ich meinen ersten Roman Der Himmel auf ihren Schultern schrieb, dachte ich, dass dieses Buch nicht nur populär in Russland sein wird, sondern dass es eine Art Explosion auslösen wird, weil es meines Wissens der erste Roman war, der nicht aus der Perspektive des Opfers der sowjetischen staatlichen Repressionen geschrieben wurde, sondern auch die Täterschaft in den Blick nahm, und damit die Frage der Verantwortung aufwarf. Aber genau wegen dieser Frage wurde es in Russland wahrscheinlich nicht gerne gelesen und nicht breit diskutiert. Ich glaube nicht, dass es an meinem literarischen Versagen liegt, sondern einfach daran, dass unsere Gesellschaft nicht bereit war, diese Frage so zu stellen, wie sie gestellt werden sollte, und wir es vorziehen, dieses Thema zu vermeiden.

novinki: Wie fühlen Sie sich angesichts der mangelnden Aufmerksamkeit in Russland?

S.L.: Es kann ziemlich schmerzhaft sein, in seinem eigenen Land nicht richtig wahrgenommen zu werden, aber es hat mir auf jeden Fall geholfen, einige meiner eigenen Illusionen loszuwerden. Ich dachte wirklich, es reicht, das Buch zu schreiben, und das Buch wird als Institution funktionieren, aber es scheint, dass zuerst einige Institutionen und juristische Organe geschaffen werden sollten und erst dann die Literatur eingreifen kann.

Wenn der starke Wunsch, einige Dinge in Russland zu ändern, nicht akzeptiert wird, und man ausgeschlossen und kritisiert wird, kann man sogar die Inspiration verlieren. Aber da ich sah, dass die (Nicht-)Rezeption in Russland eine Ausnahme ist, während der Roman in anderen Ländern sehr viel gelesen wird, gab mir das die Hoffnung, dass diese Texte vielleicht eines Tages nach Russland und auch zur russischen Leserschaft zurückkehren werden.

"Durch meine Bücher spreche ich mit und für diejenigen, die nicht vertreten sind: mit denen, die vom Leben ausgeschlossen wurden und deren Biografien zensiert wurden, und für diejenigen, die nicht für sich selbst sprechen können."

novinki: Würden Sie sagen, dass Ihre Arbeit für Menschen, die den Alltag in sozialistischen Ländern erlebt haben, verständlicher ist?

S.L.: Diejenigen, die in Polen, in Bulgarien, in der DDR gelebt haben, wissen sehr gut, wovon meine Bücher handeln: es ist ihre Erinnerung und ihre Erfahrung, während es in Frankreich oder in Italien häufiger als reine Fiktion gelesen wird. Das spüre ich auch in den Gesprächen mit meinen Leser:innen, weil man in Frankreich so viele Dinge erklären muss, die man in Polen nie gefragt wird.

novinki: Haben Sie ein bestimmtes Publikum vor Augen, wenn Sie mit dem Schreiben Ihrer Romane beginnen?

S.L.: Das habe ich, aber es ist nicht das Publikum der aktiven Leser:innen. Ich denke, ich schreibe für die Gemeinschaft derjenigen, die nicht mehr am Leben sind. Durch meine Bücher spreche ich mit und für diejenigen, die nicht vertreten sind: mit denen, die vom Leben ausgeschlossen wurden und deren Biografien zensiert wurden, und für diejenigen, die nicht für sich selbst sprechen können.

 

Schreibweisen: Zwischen Fiktion und Dokument

novinki: Glauben Sie, dass das riesige Territorium der Sowjetunion eine Rolle bei der Indifferenz der Menschen gegenüber den Opfern der sowjetischen Konzentrationslager spielt?

S.L.: Die Geografie, die Weite Russlands, gab Stalin und seinen Nachfolgern die einzigartige Möglichkeit, die Opfer unsichtbar zu machen. Selbst die Nazi-Konzentrationslager waren irgendwo in der Nähe, mitten in Europa, während die härtesten Gulag-Lager wirklich weit weg waren, in den nördlichsten Teilen Russlands. Das macht das Problem der Erinnerung noch schwieriger, denn die meisten Menschen können nicht dorthin gehen, können es nicht anfassen, können es nicht sehen: sie müssen sich auf die Vorstellungskraft verlassen und auf die Brücken, die nur durch Kunst, durch Texte, durch das Kino gebaut werden können.

Als ich zu meiner ersten geologischen Expedition aufbrach, dachte ich selbst ganz naiv, dass es da draußen im Norden nur unberührte Natur gibt, nur Taiga. Ich hätte nie gedacht, dass die Lager noch da sind. Ich habe schon prominente Schriftsteller wie Solženicyn oder Šalamov gelesen, aber ich hätte nie gedacht, dass wir uns immer noch im selben Raum, im selben Chronotop befinden.

novinki: Da Ihre Arbeit viele dokumentarische Elemente enthält, wie war es für Sie, zu versuchen, die Emotionen Ihrer Vorfahren zu erleben und zu erklären?

S.L.: Ich würde nicht sagen, dass ich ihre Emotionen nacherlebe. Ich denke, es ist etwas anders: Ich mache sie sichtbar. Die Geschichte, darunter auch die Familiengeschichte, wie wir sie geerbt haben, wurde aufgrund des Charakters der Sowjetmacht wahrscheinlich fünf oder sechs Mal neu geschrieben. All diese Veränderungen zu rekonstruieren und zu entschlüsseln bedeutet, die Realität selbst zu rekonstruieren. Vielleicht wende ich mich nicht einfach an meine Verwandten, vielleicht stelle ich ihre Realität wieder her.

 

Das Insistieren des sowjetischen Traumas

novinki: Warum widmen Sie sich in Ihrer Arbeit so sehr dem sowjetischen Trauma? Was bringt Sie dazu, immer wieder auf dieses Thema zurückzukommen?

S.L.: Ich suche mir meine Bücher nicht aus, sie suchen mich aus. Als ich über Der Himmel auf ihren Schultern als Text nachdachte, sagte ich zu mir selbst: "Nein, da will ich nicht hin." Stattdessen dachte ich, ich würde einen lyrischen Roman über eine Frau-Mann-Beziehung in, sagen wir, "Neurussland" schreiben – wir unterscheiden uns sehr von unseren Eltern mit ihrer sozialistischen Erfahrung von Gefühlen und Beziehungen, also ist das ein interessantes Thema. Ich war begeistert von Marcel Proust und beschlos, ein "Dichter der Beziehungen" zu werden. Und nachdem ich drei Seiten des Romans geschrieben hatte, wurde mir klar, dass ich nicht über Beziehungen schreibe, sondern über den Gulag.

Selbst wenn man den festen Entschluss fasst, nicht darüber zu schreiben, geht etwas, das man nicht selbst ist, in seine eigene Richtung. Es liegt also nicht an mir – vielleicht können wir sagen, dass ich dazu aufgefordert werde: es ist nicht klar von wem, vielleicht von der Sprache, von der Erinnerung, von der Geschichte, von den Verwandten selbst, vielleicht in Kombination. Aber so geschieht es.

novinki: Was Sie mit Ihren Romanen zu vermitteln versuchen, ist eine wichtige Botschaft. Wie kommt es, dass Sie sich entschieden haben, sie in Fiktion zu verpacken?

S.L.: Die russische Archivpolitik funktioniert so, dass Verwandte eines Opfers staatlicher Repressionen die persönlichen Akten des Opfers anfordern können. Als Verwandter eines Kriminellen kann man jedoch keine Akten beantragen – sie sind immer noch geheim. Auf diese Weise trägt die Archivierungspolitik dazu bei, dass die Verbrecher figurlos, gesichtslos und unbekannt bleiben, genau wie die Figur des "Großvaters II" in meinem Roman Der Himmel auf ihren Schultern. Und dieses Ungleichgewicht war einer der Gründe, warum ich mich entschlossen habe, Fiktion zu schreiben. Wenn es keine Dokumente gibt, keine Möglichkeit, Beweise zu beschaffen, und wenn alle Zeug:innen verschwunden sind, gibt es keine Möglichkeit, Sachbücher zu schreiben, – und die Fiktion bleibt als letztes Mittel, wenn man mit diesem Thema arbeiten möchte.

Einer der Hauptgedanken von Der Himmel auf ihren Schultern war es nicht, diesen unbekannten Kreis von Verantwortlichen vor Gericht zu stellen, sondern sie wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, sie sichtbar zu machen.

 

Autobiographische Hintergründe

novinki: In Der Himmel auf ihren Schultern unternimmt der Protagonist/Erzähler eine psychologische Entdeckungsreise durch seine eigenen Erinnerungen sowie eine physische Reise in den Norden Russlands, um die Wahrheit über seinen Verwandten herauszufinden. Haben Sie eine ähnliche Reise hinter sich?

S.L.: Anders als der Protagonist/Erzähler habe ich meine Reisen vor der Entdeckung unternommen. Ich bin mit fünfzehn Jahren in den hohen Norden gegangen und habe acht Jahre lang an geologischen Expeditionen teilgenommen, hauptsächlich in den ehemaligen Gulag-Gebieten. Jeden Sommer wiederholte ich die Routine der Häftlinge, ging auf ihren Wegen, arbeitete in denselben Minen und wohnte in einem Zelt neben ihren Baracken. Ohne die entsprechenden Denkmäler sind diese Orte nicht als Orte des Terrors zu erkennen: Die Natur löscht die Erinnerung an die Opfer aus. Es bedarf also immer einer Anstrengung der Vorstellungskraft oder der körperlichen Erfahrung, um zu verstehen, wie ein Mensch dort durch Zwangsarbeit vernichtet und getötet werden konnte.

Als ich also einige Jahre nach diesen Expeditionen die Dokumente fand, die bewiesen, dass mein eigener Verwandter, der zweite Ehemann meiner Großmutter, der Kommandant eines solchen Lagers war, war ich zunächst sprachlos. Dann wurde mir klar, dass er sich sehr gut versteckt hatte. Wie ich bereits erwähnt habe, gibt es keine Möglichkeit, an seine Archivdokumente heranzukommen, und das würde es schwierig machen, über ihn zu schreiben. Aber etwas war in meiner Biografie, nämlich diese geologischen Expeditionen, die mir die Möglichkeit gaben, zu schreiben, denn ich habe sein Reich gesehen. Ich war dort und habe gesehen, wie es aussieht, habe gesehen, welche Spuren es hinterlassen hat – das war also meine Hintertür zum Buch.

novinki: Ihre Romane, vor allem der erste, Der Himmel auf ihren Schultern, scheinen als Plattform für die Trauer und die Verarbeitung des Todes derer zu dienen, die keine Chance hatten, ordnungsgemäß beerdigt zu werden. Wer sind diese Menschen? Und was bedeutet es für Sie, sich an sie zu erinnern?

S.L.: Wir sprechen hier nicht von einem natürlichen Prozess, nicht von Menschen, die auf natürliche Weise an Altersschwäche gestorben sind, wir sprechen von denen, die getötet wurden, von denen, die – willkürlich oder nicht – aus verschiedenen Gründen ausgewählt wurden, um eine Strafe zu erhalten, von denen, in deren Leben ein Verbrechen verübt wurde. Und ein Verbrechen ist nichts, das wir in den menschlichen Beziehungen als natürlich betrachten sollten. Es ist das Verbrechen, das der Erinnerung bedarf. Wenn wir anfangen, die Verbrechen zu vergessen, begeben wir uns in eine sehr gefährliche Zone der Abwesenheit von Moral.

Diese Menschen wurden gewaltsam aus dem Gedächtnis gelöscht, weil der sowjetische und später der russische Staat besondere Anstrengungen unternommen haben, um sie verschwinden zu lassen: von der nur zu gut bekannten Bearbeitung von Schulbüchern bis zur Einrichtung unbekannter Gräber im Norden. Wir haben es hier mit einer flächendeckenden "Entmemorialisierung" zu tun – nicht mit einem natürlichen Prozess. Deshalb ist die einzige Möglichkeit, sich dagegen zu wehren, die Durchsetzung der Erinnerungspolitik. Das ist ein schwieriger Kampf, denn der Staat wollte nicht nur, dass sie getötet werden, sondern auch, dass sie ganz verschwinden. Wenn man also gegen das unterdrückerische Erbe des Staates kämpft, ist das Beste, was man tun kann, die Erinnerung an die Verschwundenen zu bewahren.

Ich würde sagen, dass zu viele Dinge in Russland, aber auch schon in der Sowjetunion – vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute – auf ebenjenem Gebot des "Vergessen wir es" basieren, weil es zu schwierig ist, darüber zu sprechen. Meine Aufgabe als Schriftsteller, als Bürger, als Mensch ist es, mich dem entgegenzustellen, denn zu viele Dinge wurden gewaltsam vergessen.

"Um sich vom Trauma zu befreien, um frei zu atmen und sein eigenes Leben zu leben, muss man in die Vergangenheit gehen, man muss es aufdecken, sonst wird man sein Leben im Schatten dieses Erbes leben."

novinki: In Ihrer eigenen Familiengeschichte gibt es nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Hatten Sie persönlich das Gefühl, dass diese Methode Ihnen geholfen hat, Ihre eigene Familiengeschichte zu verarbeiten – und haben Sie nach dem Schreiben darüber Klarheit oder Erleichterung verspürt?

S.L.: In dem Moment, da ich die Wahrheit über meinen Verwandten herausgefunden hatte und die Dokumente in den Händen hielt, die bewiesen, dass er der Kommandant eines Gulag-Lagers gewesen war, fühlte ich mich, nach den ersten Gefühlen von Schock und Überraschung, völlig hilflos. Es war, als wäre er an mich gekettet, und ich konnte nichts dagegen tun. Ich habe versucht, von dort wegzukommen, nicht nur wegzulaufen, sondern auch, diese Situation zu verarbeiten. Es war ein Moment der Verzweiflung, ich wollte das nicht unverarbeitet lassen, aber ich wusste nicht, wie ich es verarbeiten sollte. Wissen kann heilen, aber das Wissen war hinter den Türen des Archivs versiegelt, und alle Zeug:innen sind verschwunden.

Bald wurde mir klar, dass es wahrscheinlich irgendwo in Russland in diesem Moment eine andere Person gibt, die gerade das Gleiche über ihre Verwandten herausgefunden hat und sich die gleichen Fragen stellt. Also beschloss ich, Der Himmel auf ihren Schultern als eine "Transformationsmaschine" zu schreiben, nicht nur für mich selbst, sondern für alle, die unter der Vergangenheit ihrer Vorfahren leiden. Diese Maschine ermöglichte es mir, in das Land der Toten zu gehen und wieder zurückzukehren. Ich hatte dabei das Gefühl, dass zumindest ein kleiner Teil meines Bewusstseins, meiner Seele, meiner Integrität geheilt wurde. Ich kann jetzt damit umgehen, ohne es abzulehnen, aber auch ohne unkontrollierte Schuldgefühle zu haben. Wenn es ein Experiment war, dann war es ein erfolgreiches Experiment.

novinki: Welche Art von Erkenntnis hat diese "Transformationsmaschine" für Sie und für Ihre Leser:innen gebracht?

S.L.: Als das Buch Der Himmel auf ihren Schultern in Russland veröffentlicht wurde, erhielt ich Briefe und Nachrichten von den Leser:innen. Plötzlich fingen sie an, sich alle zu ähneln. Die Leute schrieben mehr oder weniger den gleichen Text darüber, wie mein Buch ihnen geholfen hat, die Wahrheit über entfernte Verwandte in ihren eigenen Familien zu erkennen. Sie sagten, dass sie eine dunkle Energie spürten, die von diesen Verwandten ausging, aber sie waren nicht in der Lage, deren Ursprung zu erklären, und jetzt, mit meinem Buch, mit dem Porträt von "Großvater II", sahen sie die gleiche Art der Emotionalität in ihrer eigenen Familie.

Ich würde sagen, dass es nicht nur das Trauma ist, sondern auch das Böse, das nicht erkannt wird. Es wird nicht direkt übertragen, man kann es nicht vererben, aber es bleibt als ein dunkles Rätsel, es bleibt als Grund für Störungen, es bleibt als etwas physisch ganz Reales. Und um sich davon zu befreien, um frei zu atmen und sein eigenes Leben zu leben, muss man in die Vergangenheit gehen, man muss es aufdecken, sonst wird man sein Leben im Schatten dieses Erbes leben.

Und natürlich ist es die Angst, die übertragen wird. Bevor ich selbst die Wahrheit über meinen Verwandten herausfand, wussten meine Eltern das schon – aber sie beschlossen, es mir nicht zu sagen. Ich glaube, es war aus Angst: Sie befürchteten, dass man ihnen die Schuld für das Zusammenleben mit ihm geben würde.

"Es lässt sich eine klare Linie von der Nichtbestrafung der sowjetischen Verbrechen bis zum aktuellen russischen Überfall auf die Ukraine ziehen. Und ich würde sagen, dass die schwierigste und tragischste Frage für die russische Gesellschaft in der Zukunft darin besteht, ob wir in der Lage sein werden, diejenigen zu bestrafen, die jetzt verantwortlich sind."

Verdrängung: Wurzeln des heutigen Verhaltens Russlands

novinki: Welche Auswirkungen hat die mangelnde Aufarbeitung der Verbrechen des Stalinismus auf Russland heute?

S.L.: Die Straflosigkeit der staatlichen Verbrechen – buchstäblich, physisch, in unserer realen Welt, nicht in der Welt der Phantasie – macht den ersten, zweiten, nächsten Kreislauf der Gewalt möglich. Es lässt sich eine klare Linie von der Nichtbestrafung der sowjetischen Verbrechen bis zum aktuellen russischen Überfall auf die Ukraine ziehen. Und ich würde sagen, dass die schwierigste und tragischste Frage für die russische Gesellschaft in der Zukunft darin besteht, ob wir in der Lage sein werden, diejenigen zu bestrafen, die jetzt verantwortlich sind. Und ich sehe leider nur die mangelnde Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, über Verantwortung zu sprechen und zu versuchen, diese Verantwortung in bestimmten juristischen und politischen Maßnahmen umzusetzen.

In der Sowjetunion hatte jeder Angst vor der Vergangenheit, sie verfolgte die Menschen; aber als Russland in die Phase des wirtschaftlichen Niedergangs eintrat, wurde die Zukunft plötzlich zu einer Bedrohung und einem Feld der Unsicherheit. Ich denke, dass diese Bedrohung durch die Zukunft auch die Notwendigkeit der Vergangenheitsbewältigung irgendwie verwischt hat.

 

Aufarbeitung statt Cancel-Culture: Aktuelle russische Literatur und Sprache aus globaler Perspektive

novinki: Seit dem Beginn des vollumfänglichen Angriffskrieges auf die Ukraine hat man begonnen, eine Menge imperialistischer und chauvinistischer Motive in der russischen Literatur zu bemerken. Würden Sie zustimmen, dass es in der russischen Literatur einige Elemente gibt, die für die heutige Situation verantwortlich sein könnten?

S.L.: Die Verantwortung liegt nicht bei der Literatur, sondern bei den russischen Akademiker:innen. Die imperialistischen und chauvinistischen Tendenzen sind in der Tat vorhanden, zum Beispiel in Puškins Erzählungen, und das hätte schon in der Vergangenheit ordentlich analysiert und entlarvt werden müssen. Puškin war Puškin zu seiner Zeit, aber es liegt nicht an ihm, sondern an den russischen intellektuellen Kreisen, die Puškin als heilige Figur aus der Kritik herausgehalten haben – und das ist das eigentliche kulturelle Versagen.

Teilweise lässt sich dies dadurch erklären, dass die Hochschulbildung in Russland dem Staat gehört, alles ist staatlich, und die Regierung will natürlich nicht, dass ihr heiliger Puškin dekonstruiert wird. Zweitens sollten wir natürlich verstehen, dass Puškin und andere große russische Autoren von der sowjetischen und russischen Regierung in hohem Maße politisch instrumentalisiert wurden, als Mittel der kulturellen Kolonisierung und Unterdrückung. Auch hier liegt die Schuld nicht bei den Autoren, aber man kann sie nicht von diesen symbolischen Bedeutungen trennen. Und wenn zum Beispiel die Puškin-Statuen in der Ukraine zerstört werden, habe ich dafür volles Verständnis, denn es sind nicht die Statuen des Dichters, sondern Symbole des Besitzes, sie markieren ein Territorium, und es ist durchaus vernünftig, sie zu entfernen.

Ich würde sagen, dass der Ruhm der russischen Literatur und Kultur, dieses Gefühl der Größe, das Russland hat, das in Wirklichkeit nicht weit von Chauvinismus und Rassismus entfernt ist, eines der Hauptprobleme ist. Und diese "Größe", dieses glänzende Image der russischen Kultur loszuwerden, ist nicht nur notwendig, sondern sogar gesund für die Kultur selbst, weil sie dann nicht mehr als Erklärung oder Rechtfertigung für Gewalt benutzt werden kann.

"Daher glaube ich, dass der Prozess des Widerstands mit der Sprache beginnt, denn Putin und seine Regierung versuchen, die Menschen in eine Situation zu zwingen, in der ihre Sprache total ist. Sie versuchen, dieses Monopol aufrechtzuerhalten, und es ist sehr wichtig, dieses Monopol auf der Ebene der Erzählungen zu untergraben."

novinki: Neben der Literatur wird seit dem Überfall sogar die russische Sprache kontrovers diskutiert und negativ bewertet. Sie schreiben aber weiterhin auf Russisch. Was halten Sie von den Versuchen, die russische Sprache aus der Ukraine zu entfernen?

S.L.: Ich kann sehr gut verstehen, dass Russisch nicht mehr willkommen ist. Ich kann es verstehen, weil meine Großmutter nie in der Lage war, in Ruhe Deutsch zu hören – die traumatische Erfahrung ist mit der Sprache verbunden. Aber ich kann die russische Sprache nicht denen überlassen, die sie jetzt missbrauchen. Und ich kann nicht tatenlos zusehen, wie die Sprache zur Waffe wird, zum Werkzeug der Gewalt, zum Werkzeug der Rechtfertigung.

Daher glaube ich, dass der Prozess des Widerstands mit der Sprache beginnt, denn Putin und seine Regierung versuchen, die Menschen in eine Situation zu zwingen, in der ihre Sprache total ist. Sie versuchen, dieses Monopol aufrechtzuerhalten, und es ist sehr wichtig, dieses Monopol auf der Ebene der Erzählungen zu untergraben. In der Sprache selbst liegt echte Macht, und ich glaube, dass die Sprache das einzige Mittel ist, das uns in die Zukunft bringen kann. Und die einzige wirkliche Zukunft besteht darin, Russland in einen sicheren und friedlichen Nachbarn zu verwandeln. Es geht nicht nur darum, einen Vertrag zu unterzeichnen, sondern Bewusstsein, Kultur und Sprache einem Wandel zu unterziehen. Und wie soll das geschehen? Welche Prozesse sollten wir in Gang setzen? Dies ist eine große philosophische, künstlerische und kulturelle Herausforderung. Es ist leicht zu sagen, dass wir später darüber nachdenken werden, oder zu sagen, dass es nur an der Sprache liegt – nein, das ist es nicht. Die Sprache selbst zu dekonstruieren und zu verstehen, wie sie mit diesen Tendenzen des Imperialismus und der Gewalt zusammenhängt, ist sehr wichtig.

novinki: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft Russlands jetzt aus? Erwarten Sie große Veränderungen im Verhalten und Handeln der russischen Bürger:innen?

S.L.: Die Russen fühlen sich eindeutig schuldig, weil wir seit 2014 nicht genug getan haben. Selbst die liberalen oder oppositionellen Kreise Russlands sprachen mehr über Korruption als über den Krieg, und dieser Krieg ist nicht der erste, den Russland begonnen hat. Es gibt eine klare Linie von den Tschetschenienkriegen bis zum Überfall auf die Ukraine, und ich sehe darin ein intellektuelles Versagen von uns, von mir selbst.

Viele konzentrieren sich heute darauf, wie sich die Russen fühlen. Ich glaube nicht, dass das jetzt passend ist, denn es ist nicht die Zeit, in der wir unsere Gefühle offenlegen sollten. Es ist die Zeit, in der wir eine sehr schmerzhafte Lektion lernen und uns selbst mit den Augen der Ukrainer betrachten und sehen sollten, zum Beispiel, wie die russische Sprache schmerzen kann. Aber wir sollten auch weiter schauen, über die Grenzen der Ukraine hinaus: Diese groß angelegte Invasion hat in ganz Europa viele Erinnerungen an frühere Erfahrungen mit russischer oder sowjetischer Herrschaft, repressiver Politik, Invasionen usw. ausgelöst.

In Litauen, in Polen, in Finnland: Überall erinnern sich die Menschen an das, was die Russen bzw. die Sowjets getan haben. Auch mit diesem Erbe, mit der imperialen und kolonialen Rolle Russlands im 20. Jahrhundert, haben wir uns nie richtig auseinandergesetzt. Wir haben über unsere Opfer gesprochen, wir haben über die Repressionen gesprochen, aber darüber, dass wir ein halbes Jahrhundert lang Besatzungsmacht waren, zum Beispiel in Ost- und Mitteleuropa ‒ das war nie Hauptthema der Diskussion.

Wir sind Rückfalltäter, wir sind diejenigen, die das immer wieder tun. Und die einzige Hoffnung für unsere Zukunft ist, dass wir diese Lektion wirklich lernen werden.

 

Das Interview fand am 27. Juni 2023 via Zoom statt.

Das Beitragsbild, aufgenommen von James Hill, wurde von Sergej Lebedew bereitgestellt.

"Wissen kann heilen, aber das Wissen war hinter den Türen des Archivs versiegelt" – Sergej Lebedew im Gespräch mit novinki - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

“Wissen kann heilen, aber das Wissen war hinter den Türen des Archivs ver­sie­gelt” – Sergej Lebedew im Gespräch mit novinki

Der in Moskau gebo­rene und der­zeit in Potsdam lebende Sergej Lebedew ist einer der popu­lärsten und mei­st­über­setzten rus­si­schen Gegen­warts­au­toren im Westen. In Russ­land wurde er jedoch von der Lite­ra­tur­kritik wie auch vom Lese­pu­blikum weit­ge­hend über­sehen. Lebedew ist ein ent­schie­dener Gegner des Putin-Regimes. Seiner Mei­nung nach gibt es eine klare Linie zwi­schen der Straf­f­lo­sig­keit der sowje­ti­schen Ver­bre­chen und dem heu­tigen rus­si­schen Über­fall auf die Ukraine. Daher scheint sein 2011 erschie­nener Debüt­roman Предел забвения (deut­sche Aus­gabe: Der Himmel auf ihren Schul­tern, über­setzt von Fran­ziska Zwerg) im heu­tigen Kon­text neue Rele­vanz zu bekommen, denn er behan­delt die Fragen der Ver­ant­wor­tung und der Auf­ar­bei­tung von Russ­lands repres­siver Ver­gan­gen­heit. In einem Inter­view für novinki erläu­tert Sergej Lebedew seinen Debüt­roman aus heu­tiger Sicht und teilt seine Über­le­gungen zur glo­balen Wahr­neh­mung der rus­si­schen Sprache und Lite­ratur im Kon­text des umfas­senden Angriffs­kriegs auf die Ukraine.

 

Rezep­tionen: Russ­land vs. anderswo

novinki: Es scheint, dass Sie hier im Westen viel popu­lärer sind als in Russ­land – was glauben Sie, woran das liegt?

Sergej Lebedew: Als ich meinen ersten Roman Der Himmel auf ihren Schul­tern schrieb, dachte ich, dass dieses Buch nicht nur populär in Russ­land sein wird, son­dern dass es eine Art Explo­sion aus­lösen wird, weil es meines Wis­sens der erste Roman war, der nicht aus der Per­spek­tive des Opfers der sowje­ti­schen staat­li­chen Repres­sionen geschrieben wurde, son­dern auch die Täter­schaft in den Blick nahm, und damit die Frage der Ver­ant­wor­tung auf­warf. Aber genau wegen dieser Frage wurde es in Russ­land wahr­schein­lich nicht gerne gelesen und nicht breit dis­ku­tiert. Ich glaube nicht, dass es an meinem lite­ra­ri­schen Ver­sagen liegt, son­dern ein­fach daran, dass unsere Gesell­schaft nicht bereit war, diese Frage so zu stellen, wie sie gestellt werden sollte, und wir es vor­ziehen, dieses Thema zu vermeiden.

novinki: Wie fühlen Sie sich ange­sichts der man­gelnden Auf­merk­sam­keit in Russland?

S.L.: Es kann ziem­lich schmerz­haft sein, in seinem eigenen Land nicht richtig wahr­ge­nommen zu werden, aber es hat mir auf jeden Fall geholfen, einige meiner eigenen Illu­sionen los­zu­werden. Ich dachte wirk­lich, es reicht, das Buch zu schreiben, und das Buch wird als Insti­tu­tion funk­tio­nieren, aber es scheint, dass zuerst einige Insti­tu­tionen und juris­ti­sche Organe geschaffen werden sollten und erst dann die Lite­ratur ein­greifen kann.

Wenn der starke Wunsch, einige Dinge in Russ­land zu ändern, nicht akzep­tiert wird, und man aus­ge­schlossen und kri­ti­siert wird, kann man sogar die Inspi­ra­tion ver­lieren. Aber da ich sah, dass die (Nicht-)Rezeption in Russ­land eine Aus­nahme ist, wäh­rend der Roman in anderen Län­dern sehr viel gelesen wird, gab mir das die Hoff­nung, dass diese Texte viel­leicht eines Tages nach Russ­land und auch zur rus­si­schen Leser­schaft zurück­kehren werden.

“Durch meine Bücher spreche ich mit und für die­je­nigen, die nicht ver­treten sind: mit denen, die vom Leben aus­ge­schlossen wurden und deren Bio­gra­fien zen­siert wurden, und für die­je­nigen, die nicht für sich selbst spre­chen können.”

novinki: Würden Sie sagen, dass Ihre Arbeit für Men­schen, die den Alltag in sozia­lis­ti­schen Län­dern erlebt haben, ver­ständ­li­cher ist?

S.L.: Die­je­nigen, die in Polen, in Bul­ga­rien, in der DDR gelebt haben, wissen sehr gut, wovon meine Bücher han­deln: es ist ihre Erin­ne­rung und ihre Erfah­rung, wäh­rend es in Frank­reich oder in Ita­lien häu­figer als reine Fik­tion gelesen wird. Das spüre ich auch in den Gesprä­chen mit meinen Leser:innen, weil man in Frank­reich so viele Dinge erklären muss, die man in Polen nie gefragt wird.

novinki: Haben Sie ein bestimmtes Publikum vor Augen, wenn Sie mit dem Schreiben Ihrer Romane beginnen?

S.L.: Das habe ich, aber es ist nicht das Publikum der aktiven Leser:innen. Ich denke, ich schreibe für die Gemein­schaft der­je­nigen, die nicht mehr am Leben sind. Durch meine Bücher spreche ich mit und für die­je­nigen, die nicht ver­treten sind: mit denen, die vom Leben aus­ge­schlossen wurden und deren Bio­gra­fien zen­siert wurden, und für die­je­nigen, die nicht für sich selbst spre­chen können.

 

Schreib­weisen: Zwi­schen Fik­tion und Dokument

novinki: Glauben Sie, dass das rie­sige Ter­ri­to­rium der Sowjet­union eine Rolle bei der Indif­fe­renz der Men­schen gegen­über den Opfern der sowje­ti­schen Kon­zen­tra­ti­ons­lager spielt?

S.L.: Die Geo­grafie, die Weite Russ­lands, gab Stalin und seinen Nach­fol­gern die ein­zig­ar­tige Mög­lich­keit, die Opfer unsichtbar zu machen. Selbst die Nazi-Kon­zen­tra­ti­ons­lager waren irgendwo in der Nähe, mitten in Europa, wäh­rend die här­testen Gulag-Lager wirk­lich weit weg waren, in den nörd­lichsten Teilen Russ­lands. Das macht das Pro­blem der Erin­ne­rung noch schwie­riger, denn die meisten Men­schen können nicht dorthin gehen, können es nicht anfassen, können es nicht sehen: sie müssen sich auf die Vor­stel­lungs­kraft ver­lassen und auf die Brü­cken, die nur durch Kunst, durch Texte, durch das Kino gebaut werden können.

Als ich zu meiner ersten geo­lo­gi­schen Expe­di­tion auf­brach, dachte ich selbst ganz naiv, dass es da draußen im Norden nur unbe­rührte Natur gibt, nur Taiga. Ich hätte nie gedacht, dass die Lager noch da sind. Ich habe schon pro­mi­nente Schrift­steller wie Solže­nicyn oder Šalamov gelesen, aber ich hätte nie gedacht, dass wir uns immer noch im selben Raum, im selben Chro­notop befinden.

novinki: Da Ihre Arbeit viele doku­men­ta­ri­sche Ele­mente ent­hält, wie war es für Sie, zu ver­su­chen, die Emo­tionen Ihrer Vor­fahren zu erleben und zu erklären?

S.L.: Ich würde nicht sagen, dass ich ihre Emo­tionen nach­er­lebe. Ich denke, es ist etwas anders: Ich mache sie sichtbar. Die Geschichte, dar­unter auch die Fami­li­en­ge­schichte, wie wir sie geerbt haben, wurde auf­grund des Cha­rak­ters der Sowjet­macht wahr­schein­lich fünf oder sechs Mal neu geschrieben. All diese Ver­än­de­rungen zu rekon­stru­ieren und zu ent­schlüs­seln bedeutet, die Rea­lität selbst zu rekon­stru­ieren. Viel­leicht wende ich mich nicht ein­fach an meine Ver­wandten, viel­leicht stelle ich ihre Rea­lität wieder her.

 

Das Insis­tieren des sowje­ti­schen Traumas 

novinki: Warum widmen Sie sich in Ihrer Arbeit so sehr dem sowje­ti­schen Trauma? Was bringt Sie dazu, immer wieder auf dieses Thema zurückzukommen?

S.L.: Ich suche mir meine Bücher nicht aus, sie suchen mich aus. Als ich über Der Himmel auf ihren Schul­tern als Text nach­dachte, sagte ich zu mir selbst: “Nein, da will ich nicht hin.” Statt­dessen dachte ich, ich würde einen lyri­schen Roman über eine Frau-Mann-Bezie­hung in, sagen wir, “Neu­ru­ss­land” schreiben – wir unter­scheiden uns sehr von unseren Eltern mit ihrer sozia­lis­ti­schen Erfah­rung von Gefühlen und Bezie­hungen, also ist das ein inter­es­santes Thema. Ich war begeis­tert von Marcel Proust und beschlos, ein “Dichter der Bezie­hungen” zu werden. Und nachdem ich drei Seiten des Romans geschrieben hatte, wurde mir klar, dass ich nicht über Bezie­hungen schreibe, son­dern über den Gulag.

Selbst wenn man den festen Ent­schluss fasst, nicht dar­über zu schreiben, geht etwas, das man nicht selbst ist, in seine eigene Rich­tung. Es liegt also nicht an mir – viel­leicht können wir sagen, dass ich dazu auf­ge­for­dert werde: es ist nicht klar von wem, viel­leicht von der Sprache, von der Erin­ne­rung, von der Geschichte, von den Ver­wandten selbst, viel­leicht in Kom­bi­na­tion. Aber so geschieht es.

novinki: Was Sie mit Ihren Romanen zu ver­mit­teln ver­su­chen, ist eine wich­tige Bot­schaft. Wie kommt es, dass Sie sich ent­schieden haben, sie in Fik­tion zu verpacken?

S.L.: Die rus­si­sche Archiv­po­litik funk­tio­niert so, dass Ver­wandte eines Opfers staat­li­cher Repres­sionen die per­sön­li­chen Akten des Opfers anfor­dern können. Als Ver­wandter eines Kri­mi­nellen kann man jedoch keine Akten bean­tragen – sie sind immer noch geheim. Auf diese Weise trägt die Archi­vie­rungs­po­litik dazu bei, dass die Ver­bre­cher fig­urlos, gesichtslos und unbe­kannt bleiben, genau wie die Figur des “Groß­va­ters II” in meinem Roman Der Himmel auf ihren Schul­tern. Und dieses Ungleich­ge­wicht war einer der Gründe, warum ich mich ent­schlossen habe, Fik­tion zu schreiben. Wenn es keine Doku­mente gibt, keine Mög­lich­keit, Beweise zu beschaffen, und wenn alle Zeug:innen ver­schwunden sind, gibt es keine Mög­lich­keit, Sach­bü­cher zu schreiben, – und die Fik­tion bleibt als letztes Mittel, wenn man mit diesem Thema arbeiten möchte.

Einer der Haupt­ge­danken von Der Himmel auf ihren Schul­tern war es nicht, diesen unbe­kannten Kreis von Ver­ant­wort­li­chen vor Gericht zu stellen, son­dern sie wieder ins Zen­trum der Auf­merk­sam­keit zu rücken, sie sichtbar zu machen.

 

Auto­bio­gra­phi­sche Hintergründe

novinki: In Der Himmel auf ihren Schul­tern unter­nimmt der Protagonist/Erzähler eine psy­cho­lo­gi­sche Ent­de­ckungs­reise durch seine eigenen Erin­ne­rungen sowie eine phy­si­sche Reise in den Norden Russ­lands, um die Wahr­heit über seinen Ver­wandten her­aus­zu­finden. Haben Sie eine ähn­liche Reise hinter sich?

S.L.: Anders als der Protagonist/Erzähler habe ich meine Reisen vor der Ent­de­ckung unter­nommen. Ich bin mit fünf­zehn Jahren in den hohen Norden gegangen und habe acht Jahre lang an geo­lo­gi­schen Expe­di­tionen teil­ge­nommen, haupt­säch­lich in den ehe­ma­ligen Gulag-Gebieten. Jeden Sommer wie­der­holte ich die Rou­tine der Häft­linge, ging auf ihren Wegen, arbei­tete in den­selben Minen und wohnte in einem Zelt neben ihren Bara­cken. Ohne die ent­spre­chenden Denk­mäler sind diese Orte nicht als Orte des Ter­rors zu erkennen: Die Natur löscht die Erin­ne­rung an die Opfer aus. Es bedarf also immer einer Anstren­gung der Vor­stel­lungs­kraft oder der kör­per­li­chen Erfah­rung, um zu ver­stehen, wie ein Mensch dort durch Zwangs­ar­beit ver­nichtet und getötet werden konnte.

Als ich also einige Jahre nach diesen Expe­di­tionen die Doku­mente fand, die bewiesen, dass mein eigener Ver­wandter, der zweite Ehe­mann meiner Groß­mutter, der Kom­man­dant eines sol­chen Lagers war, war ich zunächst sprachlos. Dann wurde mir klar, dass er sich sehr gut ver­steckt hatte. Wie ich bereits erwähnt habe, gibt es keine Mög­lich­keit, an seine Archiv­do­ku­mente her­an­zu­kommen, und das würde es schwierig machen, über ihn zu schreiben. Aber etwas war in meiner Bio­grafie, näm­lich diese geo­lo­gi­schen Expe­di­tionen, die mir die Mög­lich­keit gaben, zu schreiben, denn ich habe sein Reich gesehen. Ich war dort und habe gesehen, wie es aus­sieht, habe gesehen, welche Spuren es hin­ter­lassen hat – das war also meine Hin­tertür zum Buch.

novinki: Ihre Romane, vor allem der erste, Der Himmel auf ihren Schul­tern, scheinen als Platt­form für die Trauer und die Ver­ar­bei­tung des Todes derer zu dienen, die keine Chance hatten, ord­nungs­gemäß beer­digt zu werden. Wer sind diese Men­schen? Und was bedeutet es für Sie, sich an sie zu erinnern?

S.L.: Wir spre­chen hier nicht von einem natür­li­chen Pro­zess, nicht von Men­schen, die auf natür­liche Weise an Alters­schwäche gestorben sind, wir spre­chen von denen, die getötet wurden, von denen, die – will­kür­lich oder nicht – aus ver­schie­denen Gründen aus­ge­wählt wurden, um eine Strafe zu erhalten, von denen, in deren Leben ein Ver­bre­chen verübt wurde. Und ein Ver­bre­chen ist nichts, das wir in den mensch­li­chen Bezie­hungen als natür­lich betrachten sollten. Es ist das Ver­bre­chen, das der Erin­ne­rung bedarf. Wenn wir anfangen, die Ver­bre­chen zu ver­gessen, begeben wir uns in eine sehr gefähr­liche Zone der Abwe­sen­heit von Moral.

Diese Men­schen wurden gewaltsam aus dem Gedächtnis gelöscht, weil der sowje­ti­sche und später der rus­si­sche Staat beson­dere Anstren­gungen unter­nommen haben, um sie ver­schwinden zu lassen: von der nur zu gut bekannten Bear­bei­tung von Schul­bü­chern bis zur Ein­rich­tung unbe­kannter Gräber im Norden. Wir haben es hier mit einer flä­chen­de­ckenden “Ent­me­mo­ri­a­li­sie­rung” zu tun – nicht mit einem natür­li­chen Pro­zess. Des­halb ist die ein­zige Mög­lich­keit, sich dagegen zu wehren, die Durch­set­zung der Erin­ne­rungs­po­litik. Das ist ein schwie­riger Kampf, denn der Staat wollte nicht nur, dass sie getötet werden, son­dern auch, dass sie ganz ver­schwinden. Wenn man also gegen das unter­drü­cke­ri­sche Erbe des Staates kämpft, ist das Beste, was man tun kann, die Erin­ne­rung an die Ver­schwun­denen zu bewahren.

Ich würde sagen, dass zu viele Dinge in Russ­land, aber auch schon in der Sowjet­union – vom Beginn des 20. Jahr­hun­derts bis heute – auf eben­jenem Gebot des “Ver­gessen wir es” basieren, weil es zu schwierig ist, dar­über zu spre­chen. Meine Auf­gabe als Schrift­steller, als Bürger, als Mensch ist es, mich dem ent­ge­gen­zu­stellen, denn zu viele Dinge wurden gewaltsam vergessen.

“Um sich vom Trauma zu befreien, um frei zu atmen und sein eigenes Leben zu leben, muss man in die Ver­gan­gen­heit gehen, man muss es auf­de­cken, sonst wird man sein Leben im Schatten dieses Erbes leben.”

novinki: In Ihrer eigenen Fami­li­en­ge­schichte gibt es nicht nur Opfer, son­dern auch Täter. Hatten Sie per­sön­lich das Gefühl, dass diese Methode Ihnen geholfen hat, Ihre eigene Fami­li­en­ge­schichte zu ver­ar­beiten – und haben Sie nach dem Schreiben dar­über Klar­heit oder Erleich­te­rung verspürt?

S.L.: In dem Moment, da ich die Wahr­heit über meinen Ver­wandten her­aus­ge­funden hatte und die Doku­mente in den Händen hielt, die bewiesen, dass er der Kom­man­dant eines Gulag-Lagers gewesen war, fühlte ich mich, nach den ersten Gefühlen von Schock und Über­ra­schung, völlig hilflos. Es war, als wäre er an mich gekettet, und ich konnte nichts dagegen tun. Ich habe ver­sucht, von dort weg­zu­kommen, nicht nur weg­zu­laufen, son­dern auch, diese Situa­tion zu ver­ar­beiten. Es war ein Moment der Ver­zweif­lung, ich wollte das nicht unver­ar­beitet lassen, aber ich wusste nicht, wie ich es ver­ar­beiten sollte. Wissen kann heilen, aber das Wissen war hinter den Türen des Archivs ver­sie­gelt, und alle Zeug:innen sind verschwunden.

Bald wurde mir klar, dass es wahr­schein­lich irgendwo in Russ­land in diesem Moment eine andere Person gibt, die gerade das Gleiche über ihre Ver­wandten her­aus­ge­funden hat und sich die glei­chen Fragen stellt. Also beschloss ich, Der Himmel auf ihren Schul­tern als eine “Trans­for­ma­ti­ons­ma­schine” zu schreiben, nicht nur für mich selbst, son­dern für alle, die unter der Ver­gan­gen­heit ihrer Vor­fahren leiden. Diese Maschine ermög­lichte es mir, in das Land der Toten zu gehen und wieder zurück­zu­kehren. Ich hatte dabei das Gefühl, dass zumin­dest ein kleiner Teil meines Bewusst­seins, meiner Seele, meiner Inte­grität geheilt wurde. Ich kann jetzt damit umgehen, ohne es abzu­lehnen, aber auch ohne unkon­trol­lierte Schuld­ge­fühle zu haben. Wenn es ein Expe­ri­ment war, dann war es ein erfolg­rei­ches Experiment.

novinki: Welche Art von Erkenntnis hat diese “Trans­for­ma­ti­ons­ma­schine” für Sie und für Ihre Leser:innen gebracht?

S.L.: Als das Buch Der Himmel auf ihren Schul­tern in Russ­land ver­öf­fent­licht wurde, erhielt ich Briefe und Nach­richten von den Leser:innen. Plötz­lich fingen sie an, sich alle zu ähneln. Die Leute schrieben mehr oder weniger den glei­chen Text dar­über, wie mein Buch ihnen geholfen hat, die Wahr­heit über ent­fernte Ver­wandte in ihren eigenen Fami­lien zu erkennen. Sie sagten, dass sie eine dunkle Energie spürten, die von diesen Ver­wandten aus­ging, aber sie waren nicht in der Lage, deren Ursprung zu erklären, und jetzt, mit meinem Buch, mit dem Por­trät von “Groß­vater II”, sahen sie die gleiche Art der Emo­tio­na­lität in ihrer eigenen Familie.

Ich würde sagen, dass es nicht nur das Trauma ist, son­dern auch das Böse, das nicht erkannt wird. Es wird nicht direkt über­tragen, man kann es nicht ver­erben, aber es bleibt als ein dunkles Rätsel, es bleibt als Grund für Stö­rungen, es bleibt als etwas phy­sisch ganz Reales. Und um sich davon zu befreien, um frei zu atmen und sein eigenes Leben zu leben, muss man in die Ver­gan­gen­heit gehen, man muss es auf­de­cken, sonst wird man sein Leben im Schatten dieses Erbes leben.

Und natür­lich ist es die Angst, die über­tragen wird. Bevor ich selbst die Wahr­heit über meinen Ver­wandten her­aus­fand, wussten meine Eltern das schon – aber sie beschlossen, es mir nicht zu sagen. Ich glaube, es war aus Angst: Sie befürch­teten, dass man ihnen die Schuld für das Zusam­men­leben mit ihm geben würde.

“Es lässt sich eine klare Linie von der Nicht­be­stra­fung der sowje­ti­schen Ver­bre­chen bis zum aktu­ellen rus­si­schen Über­fall auf die Ukraine ziehen. Und ich würde sagen, dass die schwie­rigste und tra­gischste Frage für die rus­si­sche Gesell­schaft in der Zukunft darin besteht, ob wir in der Lage sein werden, die­je­nigen zu bestrafen, die jetzt ver­ant­wort­lich sind.”

Ver­drän­gung: Wur­zeln des heu­tigen Ver­hal­tens Russlands

novinki: Welche Aus­wir­kungen hat die man­gelnde Auf­ar­bei­tung der Ver­bre­chen des Sta­li­nismus auf Russ­land heute?

S.L.: Die Straf­lo­sig­keit der staat­li­chen Ver­bre­chen – buch­stäb­lich, phy­sisch, in unserer realen Welt, nicht in der Welt der Phan­tasie – macht den ersten, zweiten, nächsten Kreis­lauf der Gewalt mög­lich. Es lässt sich eine klare Linie von der Nicht­be­stra­fung der sowje­ti­schen Ver­bre­chen bis zum aktu­ellen rus­si­schen Über­fall auf die Ukraine ziehen. Und ich würde sagen, dass die schwie­rigste und tra­gischste Frage für die rus­si­sche Gesell­schaft in der Zukunft darin besteht, ob wir in der Lage sein werden, die­je­nigen zu bestrafen, die jetzt ver­ant­wort­lich sind. Und ich sehe leider nur die man­gelnde Bereit­schaft, Ver­ant­wor­tung zu über­nehmen, über Ver­ant­wor­tung zu spre­chen und zu ver­su­chen, diese Ver­ant­wor­tung in bestimmten juris­ti­schen und poli­ti­schen Maß­nahmen umzusetzen.

In der Sowjet­union hatte jeder Angst vor der Ver­gan­gen­heit, sie ver­folgte die Men­schen; aber als Russ­land in die Phase des wirt­schaft­li­chen Nie­der­gangs ein­trat, wurde die Zukunft plötz­lich zu einer Bedro­hung und einem Feld der Unsi­cher­heit. Ich denke, dass diese Bedro­hung durch die Zukunft auch die Not­wen­dig­keit der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung irgendwie ver­wischt hat.

 

Auf­ar­bei­tung statt Cancel-Cul­ture: Aktu­elle rus­si­sche Lite­ratur und Sprache aus glo­baler Perspektive

novinki: Seit dem Beginn des voll­um­fäng­li­chen Angriffs­krieges auf die Ukraine hat man begonnen, eine Menge impe­ria­lis­ti­scher und chau­vi­nis­ti­scher Motive in der rus­si­schen Lite­ratur zu bemerken. Würden Sie zustimmen, dass es in der rus­si­schen Lite­ratur einige Ele­mente gibt, die für die heu­tige Situa­tion ver­ant­wort­lich sein könnten?

S.L.: Die Ver­ant­wor­tung liegt nicht bei der Lite­ratur, son­dern bei den rus­si­schen Akademiker:innen. Die impe­ria­lis­ti­schen und chau­vi­nis­ti­schen Ten­denzen sind in der Tat vor­handen, zum Bei­spiel in Puškins Erzäh­lungen, und das hätte schon in der Ver­gan­gen­heit ordent­lich ana­ly­siert und ent­larvt werden müssen. Puškin war Puškin zu seiner Zeit, aber es liegt nicht an ihm, son­dern an den rus­si­schen intel­lek­tu­ellen Kreisen, die Puškin als hei­lige Figur aus der Kritik her­aus­ge­halten haben – und das ist das eigent­liche kul­tu­relle Versagen.

Teil­weise lässt sich dies dadurch erklären, dass die Hoch­schul­bil­dung in Russ­land dem Staat gehört, alles ist staat­lich, und die Regie­rung will natür­lich nicht, dass ihr hei­liger Puškin dekon­stru­iert wird. Zwei­tens sollten wir natür­lich ver­stehen, dass Puškin und andere große rus­si­sche Autoren von der sowje­ti­schen und rus­si­schen Regie­rung in hohem Maße poli­tisch instru­men­ta­li­siert wurden, als Mittel der kul­tu­rellen Kolo­ni­sie­rung und Unter­drü­ckung. Auch hier liegt die Schuld nicht bei den Autoren, aber man kann sie nicht von diesen sym­bo­li­schen Bedeu­tungen trennen. Und wenn zum Bei­spiel die Puškin-Sta­tuen in der Ukraine zer­stört werden, habe ich dafür volles Ver­ständnis, denn es sind nicht die Sta­tuen des Dich­ters, son­dern Sym­bole des Besitzes, sie mar­kieren ein Ter­ri­to­rium, und es ist durchaus ver­nünftig, sie zu entfernen.

Ich würde sagen, dass der Ruhm der rus­si­schen Lite­ratur und Kultur, dieses Gefühl der Größe, das Russ­land hat, das in Wirk­lich­keit nicht weit von Chau­vi­nismus und Ras­sismus ent­fernt ist, eines der Haupt­pro­bleme ist. Und diese “Größe”, dieses glän­zende Image der rus­si­schen Kultur los­zu­werden, ist nicht nur not­wendig, son­dern sogar gesund für die Kultur selbst, weil sie dann nicht mehr als Erklä­rung oder Recht­fer­ti­gung für Gewalt benutzt werden kann.

“Daher glaube ich, dass der Pro­zess des Wider­stands mit der Sprache beginnt, denn Putin und seine Regie­rung ver­su­chen, die Men­schen in eine Situa­tion zu zwingen, in der ihre Sprache total ist. Sie ver­su­chen, dieses Monopol auf­recht­zu­er­halten, und es ist sehr wichtig, dieses Monopol auf der Ebene der Erzäh­lungen zu untergraben.”

novinki: Neben der Lite­ratur wird seit dem Über­fall sogar die rus­si­sche Sprache kon­tro­vers dis­ku­tiert und negativ bewertet. Sie schreiben aber wei­terhin auf Rus­sisch. Was halten Sie von den Ver­su­chen, die rus­si­sche Sprache aus der Ukraine zu entfernen?

S.L.: Ich kann sehr gut ver­stehen, dass Rus­sisch nicht mehr will­kommen ist. Ich kann es ver­stehen, weil meine Groß­mutter nie in der Lage war, in Ruhe Deutsch zu hören – die trau­ma­ti­sche Erfah­rung ist mit der Sprache ver­bunden. Aber ich kann die rus­si­sche Sprache nicht denen über­lassen, die sie jetzt miss­brau­chen. Und ich kann nicht tatenlos zusehen, wie die Sprache zur Waffe wird, zum Werk­zeug der Gewalt, zum Werk­zeug der Rechtfertigung.

Daher glaube ich, dass der Pro­zess des Wider­stands mit der Sprache beginnt, denn Putin und seine Regie­rung ver­su­chen, die Men­schen in eine Situa­tion zu zwingen, in der ihre Sprache total ist. Sie ver­su­chen, dieses Monopol auf­recht­zu­er­halten, und es ist sehr wichtig, dieses Monopol auf der Ebene der Erzäh­lungen zu unter­graben. In der Sprache selbst liegt echte Macht, und ich glaube, dass die Sprache das ein­zige Mittel ist, das uns in die Zukunft bringen kann. Und die ein­zige wirk­liche Zukunft besteht darin, Russ­land in einen sicheren und fried­li­chen Nach­barn zu ver­wan­deln. Es geht nicht nur darum, einen Ver­trag zu unter­zeichnen, son­dern Bewusst­sein, Kultur und Sprache einem Wandel zu unter­ziehen. Und wie soll das geschehen? Welche Pro­zesse sollten wir in Gang setzen? Dies ist eine große phi­lo­so­phi­sche, künst­le­ri­sche und kul­tu­relle Her­aus­for­de­rung. Es ist leicht zu sagen, dass wir später dar­über nach­denken werden, oder zu sagen, dass es nur an der Sprache liegt – nein, das ist es nicht. Die Sprache selbst zu dekon­stru­ieren und zu ver­stehen, wie sie mit diesen Ten­denzen des Impe­ria­lismus und der Gewalt zusam­men­hängt, ist sehr wichtig.

novinki: Wie sieht Ihrer Mei­nung nach die Zukunft Russ­lands jetzt aus? Erwarten Sie große Ver­än­de­rungen im Ver­halten und Han­deln der rus­si­schen Bürger:innen?

S.L.: Die Russen fühlen sich ein­deutig schuldig, weil wir seit 2014 nicht genug getan haben. Selbst die libe­ralen oder oppo­si­tio­nellen Kreise Russ­lands spra­chen mehr über Kor­rup­tion als über den Krieg, und dieser Krieg ist nicht der erste, den Russ­land begonnen hat. Es gibt eine klare Linie von den Tsche­tsche­ni­en­kriegen bis zum Über­fall auf die Ukraine, und ich sehe darin ein intel­lek­tu­elles Ver­sagen von uns, von mir selbst.

Viele kon­zen­trieren sich heute darauf, wie sich die Russen fühlen. Ich glaube nicht, dass das jetzt pas­send ist, denn es ist nicht die Zeit, in der wir unsere Gefühle offen­legen sollten. Es ist die Zeit, in der wir eine sehr schmerz­hafte Lek­tion lernen und uns selbst mit den Augen der Ukrainer betrachten und sehen sollten, zum Bei­spiel, wie die rus­si­sche Sprache schmerzen kann. Aber wir sollten auch weiter schauen, über die Grenzen der Ukraine hinaus: Diese groß ange­legte Inva­sion hat in ganz Europa viele Erin­ne­rungen an frü­here Erfah­rungen mit rus­si­scher oder sowje­ti­scher Herr­schaft, repres­siver Politik, Inva­sionen usw. ausgelöst.

In Litauen, in Polen, in Finn­land: Überall erin­nern sich die Men­schen an das, was die Russen bzw. die Sowjets getan haben. Auch mit diesem Erbe, mit der impe­rialen und kolo­nialen Rolle Russ­lands im 20. Jahr­hun­dert, haben wir uns nie richtig aus­ein­an­der­ge­setzt. Wir haben über unsere Opfer gespro­chen, wir haben über die Repres­sionen gespro­chen, aber dar­über, dass wir ein halbes Jahr­hun­dert lang Besat­zungs­macht waren, zum Bei­spiel in Ost- und Mit­tel­eu­ropa ‒ das war nie Haupt­thema der Diskussion.

Wir sind Rück­fall­täter, wir sind die­je­nigen, die das immer wieder tun. Und die ein­zige Hoff­nung für unsere Zukunft ist, dass wir diese Lek­tion wirk­lich lernen werden.

 

Das Inter­view fand am 27. Juni 2023 via Zoom statt.

Das Bei­trags­bild, auf­ge­nommen von James Hill, wurde von Sergej Lebedew bereitgestellt.