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Die Droge ist der Leib des Denkens. Mova von Viktar Marcinovič

Posted on 13. Oktober 2017 by Frederic Woywod
Wir schreiben das Jahr 4741 chinesischer Zeitrechnung. Minsk, eine abgelegene Stadt in der nord-westlichen Provinz des chinesisch-russischen Unionsstaates, bietet ein augenscheinlich stabiles Leben. Der Wohlstand ist gesichert, alle gehen ihrer Arbeit nach, Demonstrationen stehen nicht auf der Tagesordnung. Nur eines scheint nicht in das System des Staates zu passen – "Mova".

Wir schreiben das Jahr 4741 chinesischer Zeitrechnung. Minsk, eine abgelegene Stadt in der nord-westlichen Provinz des chinesisch-russischen Unionsstaates, bietet ein augenscheinlich stabiles Leben. Der Wohlstand ist gesichert, alle gehen ihrer Arbeit nach, Demonstrationen stehen nicht auf der Tagesordnung. Nur eines scheint nicht in das System des Staates zu passen – Mova.

 

Wie bereits in seinem ersten Roman Paranoia thematisiert der belarussische Schriftsteller und Journalist Viktar Marcinovič nun auch in Mova den repressiven Einfluss der Staatlichkeit auf das Leben der Bevölkerung. Dabei verbindet er dystopische Elemente, die stark an George Orwells Roman 1984 und Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451 erinnern, mit einer sprachpolitischen Thematik. Es ist nicht von ungefähr, dass Marcinovič diesen Roman, im Gegensatz zu Paranoia und anderen Werken, auf Belarussisch schrieb. Im Vordergrund steht nämlich die Droge „Mova“, das belarussische Wort für Sprache, deren Konsum verboten ist. „Mova“ sind kleine Zettel mit Worten oder einzelnen Buchstaben, die einen Rauschzustand bei ihren Leser_innen auslösen. Das Besondere an der Droge ist jedoch, dass sie ihre Wirkung nur bei Menschen aus dem ehemaligen Belarus entfalten kann.

 

Willkommen im Tal der Verwirrung

„Mova macht nicht abhängig. Das ist medizinisch erwiesen. Fragt einen Arzt eurer Wahl außerhalb der lauschigen vier Wände seiner Praxis, wo die medizinische Aufsicht alles mitschneidet, und er wird es euch unter vier Augen erklären. Mova geht direkt auf die Psyche, ohne Umweg über den Körper, deshalb sind Vergiftungserscheinungen ausgeschlossen“, so der selbsterklärte Junkie und Minsker Intellektuelle, der Ich-Erzähler des Romans. Seinen ersten Trip hat er in einem Klub im Szeneviertel der Stadt. Eine Frau flüstert ihm, wie er findet, urwitzige Worte ins Ohr und nimmt ihn mit auf die Toilette. Dort konsumieren sie „Mova“. Sergej wiederum, Typ „Schwiegermutters Liebling“, klein, unauffällig, wie er sich selbst beschreibt, steht in einer ganz anderen Verbindung zur Droge. Er konsumiert sie nicht, er verkauft sie. So begibt er sich ins ferne Warschau, um einen „Rucksack bis oben hin voll mit diesen Papierchen hochwertigen erstklassigen Stoffs, der stärker ist als LSD – mit Mova“ zu besorgen. Der Dealer kennt das staatliche System, weiß, wann und wie er schmuggeln kann. Der Intellektuelle wiederum kennt alle sprachlichen Feinheiten und die Geschichte dieser Droge. Alles nimmt seinen Lauf, bis beide Protagonisten in das Netz des Widerstands und damit auch der staatlichen Behörden geraten.

Trotz der klaren Erzählperspektiven durch die zwei Protagonisten und der Verortung des Plots in Minsk als Provinzstadt, stiftet die Handlung mehr Verwirrung, als dass sie Klarheit schafft. Sobald man beim Lesen ansatzweise ein Verständnis für eine räumliche Situation oder eine Person entwickelt, wird es durch Geschehnisse oder Ortswechsel innerhalb der Stadt gebrochen. Hegt man Sympathie für eine Figur, so wandelt sich deren Charakter im nächsten Moment ins Gegenteil. Zudem ist man sich nie sicher, ob die zwei Protagonisten nicht doch ein und dieselbe Person sind. Marcinovič erklärt diese Struktur in seinem Interview mit novinki wie folgt: „Aber dann gehen sie auseinander. Mehr noch: Einer ermordet den anderen. Ich glaube, das Wichtigste hier ist das Fixieren des für mich wichtigen Gefühls, dass die Freundschaft und sogar die Liebe in der heutigen Gesellschaft nach dem Schema ,Drogendealer-Junkie‘ funktionieren. Wir verkaufen einander alle Arten von Rausch. Und wir kommunizieren mit dem anderen nur, solange er das für uns wichtige Rauschmittel besitzt. Wir wollen uns alle grundsätzlich nur vergessen – im Sex, im Alkohol, im ständigen Konsum .“ Und das macht diesen Roman so spannend. Die Handlung ist so berechnend unvorhersehbar.

 

Die Sprache als Politikum

Viktar Marcinovič spielt mit gesellschaftspolitischen Bezügen auf die aktuelle Situation des Landes an und warnt gleichzeitig davor, einen Zusammenhang zwischen der Erzählung und eben dieser Gegenwart herzustellen. Fraglich ist, ob Leser_innen ohne Ortskenntnisse einen Zusammenhang zur Gegenwart von Belarus herstellen (können) werden. Eingeweihten drängt sich indessen einerseits eine Verbindung zwischen Erzählung und gegenwärtiger Sprachsituation in Belarus geradezu auf, andererseits auch der intertextuelle Bezug zu Vladimir Sorokins Dramolett Dostojewskji Trip, in dem die russische Literatur als Droge fungiert, deren Konsum die rauschartige Suche nach der eigenen kulturellen Identität befördert.

Dem Übersetzer Thomas Weiler, der unter anderem Werke von Al’herd Bacharėvič und auch bereits Paranoia von Marcinovič übersetzt hat, ist seine Aufgabe mit großem stilistischen Feingefühl gelungen. Die in den Text eingefügten „Zettelchen“, Ausschnitte aus Werken der belarussischen Literaturgeschichte, werden in deutscher und belarussischer Fassung wiedergegeben, so dass sich interessierte Leser_innen auch ein Bild von der stilistischen Vielfalt des Belarussischen machen können. Vor allem für Leser_innen mit gewissen Vorkenntnissen ist dieses Format sehr hilfreich und lädt zur eigenständigen Auseinandersetzung mit Land und Sprache ein.

Obwohl der Roman Paranoia in Belarus nur unter der Ladentheke zu kaufen ist und sich auch bei Mova mögliche Repressalien abzeichnen, manifestiert sich in Marcinovičs neuem Romaneine Haltung, die der junge Autor vom Vater der zeitgenössischen belarussischen Literatur Janka Kupala übernehmen konnte:

Unsterbliches Wort, du, heimisches Wort!
Du überwandest Unrecht und Unwahrheit;
Obwohl man dich verfolgte, dir Fesseln anlegte,
War es umsonst: Du lebst, so wie du gelebt hast.

 

 

Martinowitsch, Viktor: Mova. Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler. Dresden/Leipzig: Voland & Quist, 2016.
Marcinovič, Viktar: Mova. Minsk: Knigazbor (belarussisches Original); Minsk: Lohvinaŭ (russische Übersetzung); Pjaršak (elektronische Herausgabe), 2014.

Die russischsprachige Version des Romans steht hier zum kostenlosen Download zur Verfügung.

 

Weiterführende Links:

novinki-Interview mit Viktar Marcinovič vom 08.08.2015: „Mein Buch ist wie eine Art Stromschlag, der die ganze Stadt erfasst“.

Kurzbiographie beim Voland & Quist Verlag.

 

Weitere bisher erschienene Romane von Viktar Marcinovič:

In deutscher Übersetzung:
Martinowitsch, Viktor: Paranoia. Aus dem Russischen von Thomas Weiler. Dresden/Leipzig: Voland & Quist, 2014.

Erstveröffentlichungen auf Russisch/Belarussisch:
Martinovič, Viktor: Paranojja. Moskva: AST, 2009.
Marcinovič, Viktar: Scjudzeny vyraj. Minsk: Pjaršak (elektronische Herausgabe, Belarussisch), 2011.
Marcinovič, Viktar: Sfagnum. Minsk: Knigazbor (belarussische Übersetzung), Pjaršak (elektronische Herausgabe, Originalversion Russisch), 2013.

Die Droge ist der Leib des Denkens. Mova von Viktar Marcinovič - novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Droge ist der Leib des Den­kens. Mova von Viktar Marcinovič

Wir schreiben das Jahr 4741 chi­ne­si­scher Zeit­rech­nung. Minsk, eine abge­le­gene Stadt in der nord-west­li­chen Pro­vinz des chi­ne­sisch-rus­si­schen Uni­ons­staates, bietet ein augen­schein­lich sta­biles Leben. Der Wohl­stand ist gesi­chert, alle gehen ihrer Arbeit nach, Demons­tra­tionen stehen nicht auf der Tages­ord­nung. Nur eines scheint nicht in das System des Staates zu passen – Mova.

 

Wie bereits in seinem ersten Roman Para­noia the­ma­ti­siert der bela­rus­si­sche Schrift­steller und Jour­na­list Viktar Mar­ci­novič [Viktor Mar­ti­no­witsch] nun auch in Mova den repres­siven Ein­fluss der Staat­lich­keit auf das Leben der Bevöl­ke­rung. Dabei ver­bindet er dys­to­pi­sche Ele­mente, die stark an George Orwells Roman 1984 und Ray Brad­burys Roman Fah­ren­heit 451 erin­nern, mit einer sprach­po­li­ti­schen The­matik. Es ist nicht von unge­fähr, dass Mar­ci­novič diesen Roman, im Gegen­satz zu Para­noia und anderen Werken, auf Bela­rus­sisch schrieb. Im Vor­der­grund steht näm­lich die Droge „Mova“, das bela­rus­si­sche Wort für Sprache, deren Konsum ver­boten ist. „Mova“ sind kleine Zettel mit Worten oder ein­zelnen Buch­staben, die einen Rausch­zu­stand bei ihren Leser_innen aus­lösen. Das Beson­dere an der Droge ist jedoch, dass sie ihre Wir­kung nur bei Men­schen aus dem ehe­ma­ligen Belarus ent­falten kann.

 

Will­kommen im Tal der Verwirrung

„Mova macht nicht abhängig. Das ist medi­zi­nisch erwiesen. Fragt einen Arzt eurer Wahl außer­halb der lau­schigen vier Wände seiner Praxis, wo die medi­zi­ni­sche Auf­sicht alles mit­schneidet, und er wird es euch unter vier Augen erklären. Mova geht direkt auf die Psyche, ohne Umweg über den Körper, des­halb sind Ver­gif­tungs­er­schei­nungen aus­ge­schlossen“, so der selbst­er­klärte Junkie und Minsker Intel­lek­tu­elle, der Ich-Erzähler des Romans. Seinen ersten Trip hat er in einem Klub im Sze­ne­viertel der Stadt. Eine Frau flüs­tert ihm, wie er findet, urwit­zige Worte ins Ohr und nimmt ihn mit auf die Toi­lette. Dort kon­su­mieren sie „Mova“. Sergej wie­derum, Typ „Schwie­ger­mut­ters Lieb­ling“, klein, unauf­fällig, wie er sich selbst beschreibt, steht in einer ganz anderen Ver­bin­dung zur Droge. Er kon­su­miert sie nicht, er ver­kauft sie. So begibt er sich ins ferne War­schau, um einen „Ruck­sack bis oben hin voll mit diesen Papier­chen hoch­wer­tigen erst­klas­sigen Stoffs, der stärker ist als LSD – mit Mova“ zu besorgen. Der Dealer kennt das staat­liche System, weiß, wann und wie er schmug­geln kann. Der Intel­lek­tu­elle wie­derum kennt alle sprach­li­chen Fein­heiten und die Geschichte dieser Droge. Alles nimmt seinen Lauf, bis beide Prot­ago­nisten in das Netz des Wider­stands und damit auch der staat­li­chen Behörden geraten.

Trotz der klaren Erzähl­per­spek­tiven durch die zwei Prot­ago­nisten und der Ver­or­tung des Plots in Minsk als Pro­vinz­stadt, stiftet die Hand­lung mehr Ver­wir­rung, als dass sie Klar­heit schafft. Sobald man beim Lesen ansatz­weise ein Ver­ständnis für eine räum­liche Situa­tion oder eine Person ent­wi­ckelt, wird es durch Gescheh­nisse oder Orts­wechsel inner­halb der Stadt gebro­chen. Hegt man Sym­pa­thie für eine Figur, so wan­delt sich deren Cha­rakter im nächsten Moment ins Gegen­teil. Zudem ist man sich nie sicher, ob die zwei Prot­ago­nisten nicht doch ein und die­selbe Person sind. Mar­ci­novič erklärt diese Struktur in seinem Inter­view mit novinki wie folgt: „Aber dann gehen sie aus­ein­ander. Mehr noch: Einer ermordet den anderen. Ich glaube, das Wich­tigste hier ist […] das Fixieren des für mich wich­tigen Gefühls, dass die Freund­schaft und sogar die Liebe in der heu­tigen Gesell­schaft nach dem Schema ‚Dro­gen­dealer-Junkie‘ funk­tio­nieren. Wir ver­kaufen ein­ander alle Arten von Rausch. Und wir kom­mu­ni­zieren mit dem anderen nur, solange er das für uns wich­tige Rausch­mittel besitzt. Wir wollen uns alle grund­sätz­lich nur ver­gessen – im Sex, im Alkohol, im stän­digen Konsum […].“ Und das macht diesen Roman so span­nend. Die Hand­lung ist so berech­nend unvorhersehbar.

 

Die Sprache als Politikum

Viktar Mar­ci­novič spielt mit gesell­schafts­po­li­ti­schen Bezügen auf die aktu­elle Situa­tion des Landes an und warnt gleich­zeitig davor, einen Zusam­men­hang zwi­schen der Erzäh­lung und eben dieser Gegen­wart her­zu­stellen. Frag­lich ist, ob Leser_innen ohne Orts­kennt­nisse einen Zusam­men­hang zur Gegen­wart von Belarus her­stellen (können) werden. Ein­ge­weihten drängt sich indessen einer­seits eine Ver­bin­dung zwi­schen Erzäh­lung und gegen­wär­tiger Sprach­si­tua­tion in Belarus gera­dezu auf, ande­rer­seits auch der inter­tex­tu­elle Bezug zu Vla­dimir Sor­okins Dra­mo­lett Dos­to­jew­skji Trip, in dem die rus­si­sche Lite­ratur als Droge fun­giert, deren Konsum die rausch­ar­tige Suche nach der eigenen kul­tu­rellen Iden­tität befördert.

Dem Über­setzer Thomas Weiler, der unter anderem Werke von Al’herd Bacharėvič und auch bereits Para­noia von Mar­ci­novič über­setzt hat, ist seine Auf­gabe mit großem sti­lis­ti­schen Fein­ge­fühl gelungen. Die in den Text ein­ge­fügten „Zet­tel­chen“, Aus­schnitte aus Werken der bela­rus­si­schen Lite­ra­tur­ge­schichte, werden in deut­scher und bela­rus­si­scher Fas­sung wie­der­ge­geben, so dass sich inter­es­sierte Leser_innen auch ein Bild von der sti­lis­ti­schen Viel­falt des Bela­rus­si­schen machen können. Vor allem für Leser_innen mit gewissen Vor­kennt­nissen ist dieses Format sehr hilf­reich und lädt zur eigen­stän­digen Aus­ein­an­der­set­zung mit Land und Sprache ein.

Obwohl der Roman Para­noia in Belarus nur unter der Laden­theke zu kaufen ist und sich auch bei Mova mög­liche Repres­sa­lien abzeichnen, mani­fes­tiert sich in Mar­ci­no­vičs neuem Roman­eine Hal­tung, die der junge Autor vom Vater der zeit­ge­nös­si­schen bela­rus­si­schen Lite­ratur Janka Kupala über­nehmen konnte:

Unsterb­li­ches Wort, du, hei­mi­sches Wort!
Du über­wan­dest Unrecht und Unwahrheit;
Obwohl man dich ver­folgte, dir Fes­seln anlegte,
War es umsonst: Du lebst, so wie du gelebt hast.

 

 

Mar­ti­no­witsch, Viktor: Mova. Aus dem Bela­rus­si­schen von Thomas Weiler. Dresden/Leipzig: Voland & Quist, 2016.
Mar­ci­novič, Viktar: Mova. Minsk: Kni­gazbor (bela­rus­si­sches Ori­ginal); Minsk: Loh­vinaŭ (rus­si­sche Über­set­zung); Pjaršak (elek­tro­ni­sche Her­aus­gabe), 2014.

Die rus­sisch­spra­chige Ver­sion des Romans steht hier zum kos­ten­losen Down­load zur Verfügung.

 

Wei­ter­füh­rende Links:

novinki-Inter­view mit Viktar Mar­ci­novič vom 08.08.2015: „Mein Buch ist wie eine Art Strom­schlag, der die ganze Stadt erfasst“.

Kurz­bio­gra­phie beim Voland & Quist Verlag.

 

Wei­tere bisher erschie­nene Romane von Viktar Marcinovič:

In deut­scher Übersetzung:
Mar­ti­no­witsch, Viktor: Para­noia. Aus dem Rus­si­schen von Thomas Weiler. Dresden/Leipzig: Voland & Quist, 2014.

Erst­ver­öf­fent­li­chungen auf Russisch/Belarussisch:
Mar­ti­novič, Viktor: Para­nojja. Moskva: AST, 2009.
Mar­ci­novič, Viktar: Scjud­zeny vyraj. Minsk: Pjaršak (elek­tro­ni­sche Her­aus­gabe, Bela­rus­sisch), 2011.
Mar­ci­novič, Viktar: Sfa­gnum. Minsk: Kni­gazbor (bela­rus­si­sche Über­set­zung), Pjaršak (elek­tro­ni­sche Her­aus­gabe, Ori­gi­nal­ver­sion Rus­sisch), 2013.