Wie gelingt Versöhnung nach Krieg, Völkermord und Vertreibung? Dreißig Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton zeigen das FilmFestival Cottbus und die Bundeszentrale für politische Bildung in der Reihe „Friedenflechten“ vier Filme, die sich mit den Jugoslawienkriegen und ihren Folgen beschäftigen. Mit dabei ist Nikola Ležaićs autobiografische Tragikomödie How Come It’s All Green Out Here? – ein Film über Vergänglichkeit und die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen, erzählt durch die Geschichte einer serbischen Familie, die wäh rend des Kroatienkrieges aus ihrem dalmatinischen Heimatdorf vertrieben wurde.
Belgrad, 2015: Der 34-jährige Filmemacher Nikola (Filip Đurić) wäre eigentlich gerne der nächste David Lean. Bevor es so weit ist, muss er jedoch mit schwachsinnigen Werbeaufträgen über die Runden kommen. Von Träumereien allein lässt es sich schließlich nicht leben, vor allem dann nicht, wenn man mit seiner Partnerin das erste Kind erwartet. Gegenwärtig beschäftigt Nikola aber eine andere familiäre Verpflichtung: die Umbettung seiner Großmutter, die vor ihrem Tod den Wunsch geäußert hatte, in ihrem kroatischen Heimatdorf beerdigt zu werden. Aus diesem war die Familie, wie zahlreiche weitere Serbinnen und Serben, während des Kroatienkrieges vertrieben worden. Nikola war damals neun Jahre alt und seine Erinnerungen an das Dorf sind bruchstückhaft: Einen Fernseher, auf dem morgens immer The Twilight Zone lief, soll es in ihrem Wohnzimmer gegeben haben, eine alte Küche, vor dem Haus einen kleinen Mandelbaum und dahinter eine Höhle, in der, so glaubte er als Kind, ein Drekavac (von drečati ,schreien‘, ‚plärren‘) wohnte, eine Schreckensgestalt aus der südslawischen Mythologie, die für die ruhelose Seele eines ungetauft verstorbenen Kindes steht, die zwischen den Welten wandelt.
Nachdem er die komplizierte Kommunikation mit den kroatischen Behörden abgewickelt hat, setzt sich Nikola mit seinem Vater Mirko (Izudin Bajrović) und weiteren Verwandten ins Auto und fährt durch Länder, die vor den Jugoslawienkriegen zu einem Staat gehörten und heute durch einen meterhohen Stacheldrahtzaun voneinander getrennt sind. In Dalmatien angekommen, findet der Protagonist eine ihm fremde und leicht bedrohlich wirkende Welt vor: Die ganze Nacht weht dort ein starker Wind, die ehemals mit Leben gefüllten Dörfer sind verlassen, der Mandelbaum vertrocknet, die Häuser von Pflanzen überwuchert und leer, die Straßen mit Autowracks gesäumt und die wenigen dort noch ansässigen Verwandten, die sein Vater so herzlich begrüßt, erkennt Nikola nicht. Es ist wohl kein Zufall, dass ausgerechnet die Mystery-Serie „The Twilight Zone“, in der das Vertraute jederzeit unheimlich und fremd werden kann, bei ihm einen so bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Doch auch die vermeintlichen Erinnerungen an deren morgendliche Ausstrahlung entpuppen sich als zweifelhaft, denn einen Fernseher, so Mirko, soll es in ihrem Haus nie gegeben haben.

Fünfzehn Jahre nach seinem gefeierten Regiedebüt Tilva Roš (2010) kehrt Nikola Ležaić mit How Come It‘s All Green Out Here? (Kako je ovde tako zeleno?) auf die Kinoleinwände zurück. Dass sein Protagonist denselben Namen trägt wie er selbst, kommt nicht von ungefähr: How Come It’s All Green Out Here? erzählt die wahre Geschichte von der Grabverlegung von Nikolas Großmutter und der letzten Reise mit seinem Vater Mirko, der kurz darauf ebenfalls starb. Unter diesen Umständen verwundert es nicht, dass das Thema der Vergänglichkeit in Ležaićs neuem Film eine so zentrale Rolle spielt. Die Biografien der Figuren sind von Vertreibung und Heimatverlust geprägt, menschenleere Dörfer, Häuserruinen, der vertrocknete Mandelbaum und die omnipräsenten Autowracks sind Zeugen einer längst vergangenen Zeit. Auch Mirkos Knie erlauben ihm nicht mehr, zusammen mit seinem Sohn den Drekavac zu suchen. Lediglich eine alte Eiche, die vor dem Haus von Nikolas Großvater steht und schon vor dessen Lebzeiten dort gepflanzt wurde, bietet Beständigkeit in einem von Brüchen gezeichneten Leben. Auf der Rückreise im Auto äußert Mirko die Sorge, dass auch diese bald abgesägt werden könnte. Nikola, der schon als Kind Entwurzelung erfahren hat, setzt da lieber gleich auf Beweglichkeit und träumt davon, einen alten VW-Bus zum Wohnmobil auszubauen. Häuser, das zeigt der Film mehr als deutlich, bedeuten schließlich nicht zwangsweise Stabilität.
Die Idee, die Ereignisse rund um die Umbettung seiner Großmutter filmisch zu bearbeiten, kam Ležaić bereits vor Ort in Dalmatien, erzählt der Regisseur im Anschluss an die Vorführung in Cottbus. Um sich später möglichst genau an den Aufenthalt erinnern zu können, fotografierte er – wie auch der Protagonist im Film es tut – akribisch jedes Detail im Heimatdorf seiner Familie. Undokumentiertes kann schließlich leicht täuschen – ein Motiv, das uns in How Come It‘s All Green Out Here? ständig begegnet, am deutlichsten natürlich in der Unschärfe von Nikolas Erinnerungen. . .

Auch in kleinen Szenen wird uns das Dilemma mit dem Gedächtnis immer wieder vor Augen geführt. Etwa wenn Nikola seinem Vater berichtet, dass er im Moment gerne die Lieder eines alten Sängers hört, den dieser sehr schätzt. Mirko erzählt ihm daraufhin stolz, dass der Sänger an derselben Fakultät wie er Maschinenbau studiert habe. Nikola widerspricht, er erinnert sich, dass der Sänger eine Ausbildung zum Pharmazeuten absolviert hat. „Wie, du erinnerst dich?“, fragt Mirko aufbrausend – schließlich war sein Sohn damals noch gar nicht auf der Welt. „Naja, ich hab’s in einem Artikel gelesen“, erwidert Nikola seinem gereizten Vater, der sein Erinnerungsvermögen infrage gestellt sieht. Es zeigt sich: Auch medial Aufgearbeitetes wirft unter Umständen mehr Fragen als Antworten auf. Nicht einmal die Kamera, das muss der Protagonist gegen Ende des Films feststellen, bietet einen Ausweg aus der Unzuverlässigkeit von Erinnerungen: In der alten Küche findet er ein Foto, auf dem zwei Kinder abgebildet sind und ist überzeugt, dass eines davon sein Vater ist. Dieser sagt wiederum, dass seine Familie damals keinen Fotoapparat besessen habe und glaubt zu wissen, dass das Bild „irgendwelche Cousins“ zeigt – welche genau, daran könne er sich nicht erinnern.
Nicht zuletzt stellt Ležaić in seinem Film einen Systemvergleich her. Sein vornehmlich im Kapitalismus sozialisierter Protagonist versucht sich der Verwertungslogik desselben zwar zu widersetzen und überklebt penibel jedes Markenlogo auf seiner Kleidung mit Gaffer-Tape – dem zeitgeisttypischen Leistungs- und Selbstoptimierungsdruck kann er sich dennoch nicht entziehen. Ständig ist er mit seinem Smartphone in der Hand zu sehen, immerzu auf der Suche nach dem nächsten Werbeauftrag, Alkohol- und Fleischkonsum hat er zugunsten seiner Gesundheit aufgegeben. Die im Sozialismus aufgewachsenen Alten belächeln seine Getriebenheit und den von ihnen als Genussfeindlichkeit interpretierten Verzicht. Sie sitzen lieber gesellig bei einer Flasche Rakija und Meza am Tisch und haben klare Vorstellungen davon, wo Arbeit aufhört und Freizeit beginnt.

Nikola Ležaić ist mit How Come It‘s All Green Out Here? ein berührendes Drama gelungen, das von der vollkommenen Abwesenheit von Pathos lebt. Es gibt keinen Soundtrack, der Emotionen diktiert, familiäre Nähe wird nicht durch dramatische Liebesbekundungen bezeugt, sondern durch liebevolles Necken, das keine Angst vor Missverständnissen kennt. Die über allem schwebende Trauer und Melancholie wird nicht durch theatralische Gefühlsausbrüche, sondern durch nachdenkliche Stille ausgedrückt. Dass hier Schauspieler am Werk sind, gerät dabei fast in Vergessenheit – so natürlich stellen Filip Đurić und Izudin Bajrović die Beziehung zwischen Nikola und Mirko Ležaić dar.
Bei aller Schwere der verhandelten Themen lässt der Film auch Raum für aufrichtig witzige Momente – ein Phänomen, das typisch ist für die Länder des ehemaligen Jugoslawiens, wo man angesichts der allgegenwärtigen Krisen gelernt hat, dass es manchmal einfacher ist zu lachen als zu weinen.
Im Diskussionspanel zur Reihe „Friedenflechten“ sprachen Nikola Ležaić und Filmschaffende aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien und dem Kosovo über die weiterhin bestehenden ethnischen Spannungen in der Region. Aida Begić, eine Regisseurin aus Sarajevo, berichtete von einem Filmprojekt, das sie zusammen mit Schüler*innen muslimischer, katholischer und christlich-orthodoxer Konfession realisieren wollte und das von den politischen Verantwortlichen aktiv unterbunden wurde. Die Filmemacher*innen wagen jedoch auch vorsichtig optimistische Töne: Die jungen Generationen seien längst nicht mehr so hasserfüllt wie die alten. Ležaićs neuer Film ist eine serbisch-kroatische Co-Produktion und zeigt mit Izudin Bajrović einen namhaften Schauspieler aus Bosnien in einer Hauptrolle – ein positives Statement, in Zeiten, in denen Serbien von einem mutmaßlich in Kriegsverbrechen involvierten Präsidenten regiert wird, in denen der neofaschistische kroatische Sänger Marko Perković „Thompson“ 500.000 Fans nach Zagreb lockt und im mehrheitlich serbisch bevölkerten Teil Bosnien-Herzegowinas Rufe nach Abspaltung lauter werden. Auf dem FilmFestival Cottbus sah man das ähnlich und zeichnete How Come It‘s All Green Out Here? mit dem DIALOG-Preis für die Verständigung zwischen den Kulturen aus.
Ležaić, Nikola: Kako je ovde tako zeleno? (How Come It’s All Green Out Here?), RS/HR/BG, 2025, 114 Min.
Quelle der im Beitrag gezeigten Filmstills und des Filmplakats: https://cineuropa.org/en/newsdetail/481175/