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Zwischen Mythos und Realität: A Tunnel von Nino Orjonikidze and Vano Arsenishvili

Posted on 27. Januar 2023 by Arina Ranneva
Die neue EcoEast-Sektion des Festivals für osteuropäischen Film in Cottbus 2022 versammelte acht georgische Filme von der Stummfilmära bis in die Gegenwart. Das Highlight der Sektion: eine Dokumentation über den Bau einer Teilstrecke der Neuen Seidenstraße mitten durch ein kleines Dorf im Charagauli-Tal. Der Film über ein Bauprojekt, das China mit Westeuropa verbinden soll, geriet zu einer Parabel über die Konfrontation zweier Welten.

Die neue EcoEast-Sektion des Festivals für osteuropäischen Film in Cottbus 2022 versammelte acht georgische Filme von der Stummfilmära bis in die Gegenwart. Das Highlight der Sektion: eine Dokumentation über den Bau einer Teilstrecke der Neuen Seidenstraße mitten durch ein kleines Dorf im Charagauli-Tal. Der Film über ein Bauprojekt, das China mit Westeuropa verbinden soll, geriet zu einer Parabel über die Konfrontation zweier Welten.

 

Es ist Nacht, nur die Lichter des alten Bahnhofs sind zu sehen, ein Signal ertönt, und aus der Dunkelheit der georgischen Berge nähert sich ein leuchtender Zug der Station von Moliti. Schon in den ersten Minuten lässt der Film von Nino Orjonikidze und Vano Arsenishvili die Zuschauenden in eine besondere Welt eintauchen, die am besten mit dem Begriff des magischen Realismus bezeichnet werden kann. Die reale Geschichte eines kleinen georgischen Dorfes, dessen Existenz durch den Bau der Neuen Seidenstraße aus China nach Europa gefährdet ist, wird zu einer märchenhaften Parabel über Menschen, die von einer unbekannten Macht bedroht werden. „Die Teufel kommen“, ist einer der ersten Sätze, die man im Film hört.

 

Die Genrebezeichnung „Dokumentarfilm“ ist im Fall von A Tunnel (2019) irreführend, weil die Realität im Film nicht dokumentiert, sondern im Gegenteil verfremdet wird, sodass sich das Bekannte ins Irreale transformiert. Die technischen Geräusche der Bauarbeiten und der Eisenbahn gehen in ein bedrohliches Brüllen über, das an den Atem eines schlafenden Ungeheuers erinnert. Wie ein Märchenheld reitet der Bahnhofsvorsteher auf dem Pferd, statt ein Auto zu nutzen, und überlebt auf wundersame Weise den Kampf mit einem Bären. Auch die Zeit läuft in Moliti anders – die Zeiger der alten Bahnhofsuhr müssen immer von Hand bewegt werden, um die genaue Uhrzeit anzuzeigen. Durch die Linse der Kamera scheint Moliti ein Grenzpunkt nicht nur zwischen Europa und Asien, Landleben und Technologie, sondern auch zwischen Mythos und Realität zu sein.

 

Parallel zu dieser abgeschiedenen Welt entwickelt sich eine fast irreale Welt der vielversprechenden politischen Reden, großen Geschäfte und gigantischen Infrastrukturprojekte, die den Dorfbewohner_innen nur durch das Fernsehen bekannt ist, zu der sie aber keinen Zugang haben. Der Zusammenprall unterschiedlicher Welten, der zu einem totalen Versagen der Kommunikation führt, ist das zentrale Thema des Films. Diese Kollision wird noch dadurch unterstrichen, dass die Veränderungen zusammen mit dem chinesischen Seidenstraßenprojekt nach Moliti kommen: Der Interessenskonflikt zwischen Dorf und Weltwirtschaft wird durch den Unterschied von Kulturen und Sprachen noch verschärft. Chinesische Arbeiter kommunizieren nicht mit georgischen Arbeitern, der einzige Übersetzer übersetzt nicht korrekt, die chinesische Verwaltung ist nicht bereit, mit streikenden Arbeitern Kompromisse einzugehen, und die Beamten weigern sich, den Dorfbewohner_innen den genauen Verlauf der Bauarbeiten mitzuteilen. Überraschenderweise erweist sich ein Projekt zur transkontinentalen Kontaktaufnahme über Handelswege als totaler Kommunikationsbruch.

 

Hier treten Differenzen zu Tage, die sich kaum noch überbrücken lassen. Denn um Unterschiede dialogisch zu bewältigen, muss, so hat es einmal der sowjetische Kultursemiotiker Jurij Lotman formuliert, sowohl ein Interesse der beiden Seiten an der Kommunikation bestehen, als auch die Fähigkeit, die unvermeidlichen semiotischen Barrieren zu überwinden. Jeder Dialog setzt eine inhärente Differenz zwischen Sprachen voraus, aber mit einer absoluten Differenz ist er unmöglich. Im Fall von Moliti liegt diese Differenz nicht an dem Unterschied zwischen Georgisch und Chinesisch, sondern an dem unüberwindbaren Unterschied zwischen der Sprache des Landlebens im Einklang mit der Umwelt und der Sprache des Anthropozäns, das die globale Neuordnung dieser Umwelt anstrebt. Für die Organisator_innen eines so ehrgeizigen Projekts sind die Dorfbewohner_innen, wie die Natur selbst, keine Gesprächspartner_innen, sondern ein feindliches Hindernis, das bewältigt oder vielleicht mehr noch: überwältigt sein muss, um Fortschritt und die daraus resultierenden Gewinne zu erzielen. In einer Realität, in der die Entwicklung des Kapitalismus die Entwicklung demokratischer Institutionen, welche die Rechte der Bewohner_innen schützen könnten, überholt, bleiben die Menschen ungeschützt.

 

Auch wenn aber eine kleine, lokale Gemeinschaft keine Macht hat, sich gegen globale Eingriffe in ihr Leben zu wehren, so besitzt doch die Natur diese Macht. Im Gegensatz zum Protest der Menschen ist es unmöglich, ihren Widerstand zu ignorieren, der sich in der gefährlichen Bewegung der Erde ausdrückt. Der Berg, durch den ein Eisenbahntunnel führt, beginnt sich zu bewegen, Risse öffnen sich an seiner Oberfläche, und mit den Erdmassen gerät auch das ambitionierte Bauprojekt ins Rutschen. Drei Jahre nach dem Erscheinen des Films ist der Bau des chinesischen Eisenbahntunnels in Moliti immer noch nicht abgeschlossen. Der Film ist für eine präzise Darstellung der Verflechtung von sozialen und ökologischen Problemen sehenswert.

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Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
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Unter den Linden 6
10099 Berlin

Zwi­schen Mythos und Rea­lität: A Tunnel von Nino Orjo­ni­kidze and Vano Arsenishvili

Die neue EcoEast-Sek­tion des Fes­ti­vals für ost­eu­ro­päi­schen Film in Cottbus 2022 ver­sam­melte acht geor­gi­sche Filme von der Stumm­filmära bis in die Gegen­wart. Das High­light der Sek­tion: eine Doku­men­ta­tion über den Bau einer Teil­strecke der Neuen Sei­den­straße mitten durch ein kleines Dorf im Cha­rag­auli-Tal. Der Film über ein Bau­pro­jekt, das China mit West­eu­ropa ver­binden soll, geriet zu einer Parabel über die Kon­fron­ta­tion zweier Welten.

 

Es ist Nacht, nur die Lichter des alten Bahn­hofs sind zu sehen, ein Signal ertönt, und aus der Dun­kel­heit der geor­gi­schen Berge nähert sich ein leuch­tender Zug der Sta­tion von Moliti. Schon in den ersten Minuten lässt der Film von Nino Orjo­ni­kidze und Vano Arse­nish­vili die Zuschau­enden in eine beson­dere Welt ein­tau­chen, die am besten mit dem Begriff des magi­schen Rea­lismus bezeichnet werden kann. Die reale Geschichte eines kleinen geor­gi­schen Dorfes, dessen Exis­tenz durch den Bau der Neuen Sei­den­straße aus China nach Europa gefährdet ist, wird zu einer mär­chen­haften Parabel über Men­schen, die von einer unbe­kannten Macht bedroht werden. „Die Teufel kommen“, ist einer der ersten Sätze, die man im Film hört.

 

Die Gen­re­bezeich­nung „Doku­men­tar­film“ ist im Fall von A Tunnel (2019) irre­füh­rend, weil die Rea­lität im Film nicht doku­men­tiert, son­dern im Gegen­teil ver­fremdet wird, sodass sich das Bekannte ins Irreale trans­for­miert. Die tech­ni­schen Geräu­sche der Bau­ar­beiten und der Eisen­bahn gehen in ein bedroh­li­ches Brüllen über, das an den Atem eines schla­fenden Unge­heuers erin­nert. Wie ein Mär­chen­held reitet der Bahn­hofs­vor­steher auf dem Pferd, statt ein Auto zu nutzen, und über­lebt auf wun­der­same Weise den Kampf mit einem Bären. Auch die Zeit läuft in Moliti anders – die Zeiger der alten Bahn­hofsuhr müssen immer von Hand bewegt werden, um die genaue Uhr­zeit anzu­zeigen. Durch die Linse der Kamera scheint Moliti ein Grenz­punkt nicht nur zwi­schen Europa und Asien, Land­leben und Tech­no­logie, son­dern auch zwi­schen Mythos und Rea­lität zu sein.

 

Par­allel zu dieser abge­schie­denen Welt ent­wi­ckelt sich eine fast irreale Welt der viel­ver­spre­chenden poli­ti­schen Reden, großen Geschäfte und gigan­ti­schen Infra­struk­tur­pro­jekte, die den Dorfbewohner_innen nur durch das Fern­sehen bekannt ist, zu der sie aber keinen Zugang haben. Der Zusam­men­prall unter­schied­li­cher Welten, der zu einem totalen Ver­sagen der Kom­mu­ni­ka­tion führt, ist das zen­trale Thema des Films. Diese Kol­li­sion wird noch dadurch unter­stri­chen, dass die Ver­än­de­rungen zusammen mit dem chi­ne­si­schen Sei­den­stra­ßen­pro­jekt nach Moliti kommen: Der Inter­es­sens­kon­flikt zwi­schen Dorf und Welt­wirt­schaft wird durch den Unter­schied von Kul­turen und Spra­chen noch ver­schärft. Chi­ne­si­sche Arbeiter kom­mu­ni­zieren nicht mit geor­gi­schen Arbei­tern, der ein­zige Über­setzer über­setzt nicht kor­rekt, die chi­ne­si­sche Ver­wal­tung ist nicht bereit, mit strei­kenden Arbei­tern Kom­pro­misse ein­zu­gehen, und die Beamten wei­gern sich, den Dorfbewohner_innen den genauen Ver­lauf der Bau­ar­beiten mit­zu­teilen. Über­ra­schen­der­weise erweist sich ein Pro­jekt zur trans­kon­ti­nen­talen Kon­takt­auf­nahme über Han­dels­wege als totaler Kommunikationsbruch.

 

Hier treten Dif­fe­renzen zu Tage, die sich kaum noch über­brü­cken lassen. Denn um Unter­schiede dia­lo­gisch zu bewäl­tigen, muss, so hat es einmal der sowje­ti­sche Kul­tur­se­mio­tiker Jurij Lotman for­mu­liert, sowohl ein Inter­esse der beiden Seiten an der Kom­mu­ni­ka­tion bestehen, als auch die Fähig­keit, die unver­meid­li­chen semio­ti­schen Bar­rieren zu über­winden. Jeder Dialog setzt eine inhä­rente Dif­fe­renz zwi­schen Spra­chen voraus, aber mit einer abso­luten Dif­fe­renz ist er unmög­lich. Im Fall von Moliti liegt diese Dif­fe­renz nicht an dem Unter­schied zwi­schen Geor­gisch und Chi­ne­sisch, son­dern an dem unüber­wind­baren Unter­schied zwi­schen der Sprache des Land­le­bens im Ein­klang mit der Umwelt und der Sprache des Anthro­po­zäns, das die glo­bale Neu­ord­nung dieser Umwelt anstrebt. Für die Organisator_innen eines so ehr­gei­zigen Pro­jekts sind die Dorfbewohner_innen, wie die Natur selbst, keine Gesprächspartner_innen, son­dern ein feind­li­ches Hin­dernis, das bewäl­tigt oder viel­leicht mehr noch: über­wäl­tigt sein muss, um Fort­schritt und die daraus resul­tie­renden Gewinne zu erzielen. In einer Rea­lität, in der die Ent­wick­lung des Kapi­ta­lismus die Ent­wick­lung demo­kra­ti­scher Insti­tu­tionen, welche die Rechte der Bewohner_innen schützen könnten, über­holt, bleiben die Men­schen ungeschützt.

 

Auch wenn aber eine kleine, lokale Gemein­schaft keine Macht hat, sich gegen glo­bale Ein­griffe in ihr Leben zu wehren, so besitzt doch die Natur diese Macht. Im Gegen­satz zum Pro­test der Men­schen ist es unmög­lich, ihren Wider­stand zu igno­rieren, der sich in der gefähr­li­chen Bewe­gung der Erde aus­drückt. Der Berg, durch den ein Eisen­bahn­tunnel führt, beginnt sich zu bewegen, Risse öffnen sich an seiner Ober­fläche, und mit den Erd­massen gerät auch das ambi­tio­nierte Bau­pro­jekt ins Rut­schen. Drei Jahre nach dem Erscheinen des Films ist der Bau des chi­ne­si­schen Eisen­bahn­tun­nels in Moliti immer noch nicht abge­schlossen. Der Film ist für eine prä­zise Dar­stel­lung der Ver­flech­tung von sozialen und öko­lo­gi­schen Pro­blemen sehenswert.