Mit Future Macbeth bringen die ukrainischen Theatermacher Pavlo Arie und Stas Žhyrkov eine ungewöhnliche Bearbeitung von Shakespeares Macbeth auf die Bühne des Berliner Ensembles. Wer hier auf eine klassische Tragödie gehofft hat, wird schnell eines Besseren belehrt. Die Theateraufführung beginnt mit einer deutlichen Aussage: „Während ich hier stehe, habt ihr ganz sicher einen Putschversuch oder eine Kriegserklärung da draußen verpasst.“ Bitter und schonungslos erzielt der Tonfall den ersten künstlerischen Effekt.
Mit Future Macbeth werden die bei Shakespeare verhandelten universellen Motive wie Macht, Gewalt und Propaganda im Kontext aktueller Krisen neu in den Fokus gerückt. Dabei dient die Tragödie Macbeth weniger als klassische Vorlage. Vielmehr nimmt die Inszenierung den Originaltext zum Ausgangspunkt, um sich mit den Mechanismen politischer Gewalt auseinanderzusetzen. Inhaltlich bleibt von Shakespeares Macbeth jedoch überraschend wenig erhalten, da die Handlung auf einen groben Rahmen reduziert wird: Macbeth erlangt durch Mord die Macht, während die drei Hexen das Geschehen kommentieren und lenken. Was bei William Shakespeare Tragödie ist, wird bei Pavlo Arie und Stas Žhyrkov zur Groteske: Innere Konflikte treten zurück, klassische Sprache wird ironisch gebrochen. Die Inszenierung distanziert sich dadurch deutlich vom Original und bricht mit der traditionellen Macbeth-Rezeption.
Pavlo Arie ist ein ukrainischer Dramatiker, Übersetzer und Konzeptkünstler. Seit 2019 prägt er als Chefdramaturg das Programm des Theaters für Drama und Komödie am linken Ufer des Dnipro (Teatr dramy i komediyi na livomu berezi Dnipra). Das 1978 gegründete Theater bezog 1982 das ehemalige Kosmos-Kino als neue Spielstätte, wo zunächst mit dem Theater im Foyer die erste Kleinbühne Kyjiws und der Ukraine entstand. Heute umfasst das Repertoire über fünfzig Inszenierungen mit renommierten Schauspieler*innen. Mit Viktor Ždanov, einem vielseitigen und international bekannten ukrainischen Schauspieler, zeigt sich die künstlerische Bandbreite des Theaters. Der ukrainische Regisseur Stas Žyrkov war von 2019 bis 2022 als Künstlerischer Leiter am Theater für Drama und Komödie am linken Ufer des Dnipro tätig. Für seine künstlerische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Ehrentitel „Verdienter Künstler der Ukraine“ (2017) sowie dem Viva! Award als „Durchbruch des Jahres“ in der Kategorie „Kunst“ (2021).
Herstellung von Wirklichkeit: Macbeth in der Medienwelt
Das Bühnenbild bei Future Macbeth ist minimalistisch gehalten: Eine weiße Fläche fungiert mal als Fernsehstudio, mal als königliches Schloss. Bunte Lichter und laute, elektronische Musik versetzen das Publikum in eine Welt ständiger medialer Ablenkung. Die Kostümfarben – weiß für Macbeth und Banquo, grau für Duncan, schwarz für die Hexen – machen die Figuren leicht unterscheidbar und betonen ihre Rollen.
Gleich zu Beginn betreten die drei Hexen als Moderator*innen das Nachrichtenstudio. Anders als im klassischen Drama geht deren Rolle weit über die eines Orakels hinaus. Sie sind keine mystischen Wesen, sondern Kommentator*innen, die mit Ironie und zynischem Tonfall die Geschichte von Macbeth erzählen. Ihr Lob für Macbeths Entschlossenheit und die Prophezeiung seines Aufstiegs wird dabei zu einer medialen Inszenierung, die nicht nur informiert, sondern das Publikum aktiv anspricht. Macbeth wirkt hier nicht von geheimnisvollen Mächten gelenkt, sondern von den permanenten Reizen und Manipulationen der Medienwelt.
In späteren Szenen wird die medienkritische Linie fortgeführt, indem die Hexen die Mechanismen medialer Wirklichkeitskonstruktion zugespitzt und spielerisch darstellen. Mit ruhiger, fast hypnotischer Stimme erklären sie, wie aus nüchternen Fakten eine „Informationssuppe“ entsteht – ein Bild für die manipulative Herstellung von Wirklichkeit durch wiederholte Erzählungen. Eine direkte Einbeziehung des Publikums, etwa durch die Frage nach der „Liebe zur Mutter“ als Symbol für Patriotismus und Staatsloyalität, offenbart, wie emotional aufgeladene Narrative gezielt zur Manipulation und Legitimierung politischer Interessen eingesetzt werden können, bis hin zur vorsätzlichen Verbreitung von Lügen und Propaganda.
Der satirische Tonfall der Hexen prägt entscheidend die Wirkung der Theateraufführung. Durch direkte Ansprache des Publikums, pointierte Kommentare und eine spielerisch-überzeichnete Darstellungsweise entsteht ein Effekt, der an kabarettistische Formate erinnert. Das Setting eines Nachrichtenstudios verstärkt diesen Eindruck zusätzlich, indem es die Medien als Bühne für Macht, Propaganda und Nationalstolz überzeichnet. Dabei werden diese Themen zwar aufgegriffen, bleiben aber letzten Endes nur angedeutet und werden nicht weiter entfaltet. Der Verzicht auf eine klare politische Haltung schafft einerseits Raum für verschiedene Perspektiven, führt andererseits jedoch dazu, dass die Anspielungen auf aktuelle Diskurse fragmentarisch wirken und ihre kritische Schärfe verlieren.
Menschliche Natur und Gewalt
Die Inszenierung verhandelt das Thema der Gewalt als Teil menschlicher Natur aus zwei sich ergänzenden Perspektiven: einer inneren und einer äußeren. Macbeths innerer Kampf zeigt die psychologische und moralische Dimension von Gewalt. Er ringt mit sich selbst und ist überwältigt von der Vorstellung, Duncan zu töten. Diese Szenen offenbaren das persönliche Hadern mit Schuld, Angst und Macht. In einer späteren Szene reflektieren die Hexen in einem eindringlichen Monolog über die Allgegenwart von Gewalt: „Irgendwo tötet gerade jemand jemanden, es geschieht mit einer Geschwindigkeit von einer Person pro Minute.“ Damit stellt sich die Frage, ob Töten ein universelles Muster ist, das durch Angst, Machtstreben oder Systeme befeuert wird, die Gewalt ermöglichen oder belohnen. So entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen individueller Zerrissenheit und kollektiver Verantwortung.
Die Studierenden der Ernst Busch Hochschule für Schauspielkunst, mit denen die Theatermacher in dieser Inszenierung arbeiten, bringen mit ihrem engagierten Spiel viel Energie und Experimentierfreude in die Inszenierung ein. Ihre Bühnenpräsenz und performative Vielfalt tragen entscheidend dazu bei, dass der Theaterabend lebendig und dynamisch wirkt. Gleichzeitig führt die teilweise improvisatorisch wirkende Spielform zu dramaturgischen Brüchen, die ungewollt eine gewisse Unschärfe in der Narration hinterlassen: Was als medienkritisches Gesamtkonzept beginnt, verliert sich stellenweise im episodischen Reiz einzelner Effekte. Wer Theater als einen Raum für mediale Reflexion versteht, findet hier anregende Ansätze – auch wenn nicht alle vollständig ausgearbeitet sind.
Die Premiere von Future Macbeth fand am 25. Januar 2025 am Berliner Ensemble statt. Am 12. September 2025 wird das Stück wiederaufgenommen, mit weiteren Vorstellungen im September und Oktober.
Regieteam: Pavlo Arie und Ensemble (Text), Stas Žhyrkov (Regie), Johannes Nölting (Dramaturgie), Bohdan Lysenko (Musik), Paulina Barreiro (Bühne & Kostüm), Sebastian Scheinig (Licht), Sebastian Anton (Übersetzung), Simon Vorgrimmler (Video)
Quelle der im Beitrag verwendeten Aufnahmen der Inszenierung: https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/future-macbeth, Credits: Jörg Brüggemann.


